Wie schnell sowas gehen kann…

In der letzten Woche habe ich eine interessante und auch beklemmende Erfahrung gemacht. Ich mache derzeit eine Fachwirt-Ausbildung bei einem bundesweiten Anbieter. Freude über Freude: unser erster Modul-Kurs in der einjährigen Ausbildung ist die Kosten-und-Leistungsrechnung. Das ist spannend, denn für viele ist das komplettes Neuland. Und damit die Erwartung, dass jetzt bitte der perfekte Dozent kommen möge und einem das bis ins Kleinste zerfasert und vorkaut, ziemlich hoch. Tja, Rückflug in die Realität:

Bei meinem Anbieter wird der Fachwirt innerhalb eines Jahres angeboten. Für die KLR (auf FH-Niveau) sind dabei 5 Tage (!) vorgesehen. Es ist ein Samstags-Kurs: das bedeutet: trotz Vollbeschäftigung ein Tag zusätzlich plus ein ordentliches Pensum täglich. Bei mir war – und ist – die Motivation richtig hoch. Jeder Tag zeigt mir eine Tür, durch die ich später gehen kann. Und es macht mir Spaß. Und vielleicht bin ich einfach unternehmerisch gestrickt. Oder die Tatsache, dass ich in erster Linie Autodidakt bin, hilft. Was auch immer es ist, ich komme gut mit. Das ist aber eher die Ausnahme bei uns.

Denn vom ersten Tag an (sprich: Tag 1 von 5 der KLR) war es eigentlich unmöglich, sich auch nur zu konzentrieren. Warum? Weil aus irgendeinem Grund der Dozent schon längst zur Zielscheibe geriet, bevor er auch nur in den Stoff eingestiegen ist. Enttäuschte Erwartungen? Erfüllte Erwartungen? Vielleicht hat ein vorheriger, als toll empfundener Dozent, schon mal vorgewarnt, wie angeblich schlecht der nächste sein wird? Oder einfach nur mangelnde Reife? Die Teilnehmer, von denen diese Ablehnung ausging, sind alle recht jung und, vermute ich mal, in der Erwachsenen-Bildung noch nicht sonderlich erfahren. Vielleicht kennen einige das eigenverantwortliche Lernen nicht, wie es Unis, Fachhochschulen und Erwachsenenbildungsstätten außerhalb der VHS nun mal praktiziert wird. Und haben damit vielleicht auch noch nicht die Erfahrung gemacht, dass der Dozent im Grunde nur Nebensache ist, denn er gibt den ersten Anstoß. Alles andere liegt in der eigenen Hand. Und in einem Kurs, der ein derart kompaktes und umfangreiches Thema in so kurzer Zeit behandelt, gilt das erst recht. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass Menschen von unterschiedlichen Menschen auch unterschiedlich wahrgenommen werden.  Was für den einen funktioniert passt, ist für den anderen nicht zwangsläufig auch richtig.

Und so entsteht aus der Unzufriedenheit einer Gruppe von ca. 4 Leuten ein Nährboden. Diese kleine Gruppe hat sich sofort lautstark beschwert und ihre eigene Prophezeihung  wirksam erfüllt. Sie stellen eine unglaubliche Störquelle dar, geben gleichzeitig die Schuld an den Dozenten und sammeln so ’neue Anhänger‘. Es gibt diesen schönen Ausdruck: ‚Erst den Regen machen und sich dann wundern, dass man nass wird.‘

Der Kurs ist schwierig. Ja! Der Dozent nicht der Beste seiner Zunft. Richtig! Und das bedeutet also, dass man selbst die Verantwortung, daraus das Beste zu machen, von sich weist? Offenbar. Denn seither – und das ist der Prozess, der mir Sorgen macht – ist diese Gruppe gewachsen. Von ca. 30 Teilnehmern haben sich 2/3 anstecken lassen. Viele von Ihnen sind in erster Linie Mitläufer. Junge Frauen, die Angst haben, ihre ausstehende IHK-Prüfung nicht zu schaffen und sich denen zuwenden, die in ihren Augen die Stärkeren sind. Die Gruppe hat einen ‚Sprecher‘ gefunden. Einen – im Vergleich zu ihnen – älteren Mann mit Vorerfahrung im Rechnungswesen, der offenbar frustriert ist, weil er die Dinge vielleicht gerade anders herum ansehen müsste und sich von den Unsicherheiten des Dozenten genervt fühlt. Oder aus welchem Grund auch immer. Vermutlich tut es ihm gut, als der Experte angesehen zu werden, der nun das Schwert führen darf.

Denn aus dieser Unzufriedenheit ist ein kleiner Krieg entbrannt. Ein Krieg, in dem es nicht anders zugeht, als in jedem anderen Krieg auch. Zunächst mal braut sich was zusammen. Es dauert eine Weile, Anhänger werden gesammelt und dann wird zugeschlagen. Zu den Waffen gehören immer auch Propaganda-Lügen. So tauche ich zum Beispiel wieder und wieder in der Namensliste der Leute auf, in deren Namen angeblich gesprochen wird.

Die erste Schlacht hat die Gruppe verloren. Es sind Gegenüberstellungen beim Management eingegangen und dieses sieht keinen Grund, einen Mann vor die Tür zu setzen, dessen Versagen in erster Linie daher rührt, dass er von vornherein keine Chance hatte. Immerhin! Doch die zweite Schlacht steht an. Die Gruppe versucht sich nun lauthals Gehör zu verschaffen, nimmt weiterhin ihre verzerrte Wahrnehmung als Wahrheit an, spricht immer noch u.a. in meinem Namen, obwohl ich mich längst distanziert habe, und hat es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, nun unter allen Umständen Recht zu behalten. Nun bleibt zu erwarten, dass sie versuchen werden, den Unterricht der nächsten Tage zu boykottieren. Es sind zwar keine Waffen im Spiel, aber auch dies ist eine Ausübung von Gewalt. Es gibt Fronten, es gibt ein gemeinsames Feindbild und den Versuch, mit Gewalt sein Recht durchzusetzen. Wer hat noch mal behauptet, sowas könnte in Deutschland nie wieder passieren? Kann es. Und es kann sehr schnell gehen.

Warum taucht dieser Text hier auf? Weil ich finde, diese Situation zeigt, wie Kriege – große oder kleine – entstehen. Und somit, wie wir selbst die Schönheit unseres eigenen Lebens in Gefahr bringen oder zerstören.Wir müssen aufwachen. Zurück finden zu einer Welt, in der wir die Verantwortung für unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir müssen aufhören, anderen die Schuld für unsere ‚Misere‘ zu geben. Die Welt ist in einem fragilen Zustand. Überall herrscht Krieg und Not. Mittlerweile nicht nur vor unserer Haustüre, sondern auch im eigenen Haus (s. Thema Flüchtlingsunterkünfte). Und alles, was wir als Einzelne dem entgegensetzten können, ist unsere Eigenverantwortung, den Verzicht darauf, unbedingt Recht haben zu wollen, und das Wissen über unsere Selbstwirksamkeit. Wir müssen aufhören, ständig neue kleine Kriege zu führen. Denn die großen Kriege da draußen, die mit schweren Geschützen tausende von Menschenleben fordern, sind nur die Vergrößerung dessen, was in unseren ganz eigenen sozialen Verbindungen tagtäglich vor sich geht. Egal, ob es nur den Nachbarn oder einen Dozenten, Mitarbeiter oder die eigene Familie oder wen auch immer betrifft. Wir müssen aussteigen aus dem Krieg. Jeder für sich selbst. Und so Vorbild sein für die, die das noch nicht verstanden haben. Dann können wir echten Frieden schaffen. So, das musste jetzt gesagt werden 😉


 

Nachtrag: Letzten Endes hat die Vernunft gesiegt. Die Mitläufer haben gemerkt, dass sie sich verrannt haben und hatten den Mut, ihren Fehlern vor sich selbst einzugestehen und zurück zu kehren. Die Überzeugten bleiben überzeugt – aber sie bleiben zu Hause überzeugt. Resultat: ein gutes Arbeitsklima. Vielen Dank dafür! 😀

6 Gedanken zu “Wie schnell sowas gehen kann…

  1. Wenn Du es nicht eh schon weist, Du kannst wahnsinnig gut eine Situation analysieren und diese in Worte fassen. Beeindruckend. Diese Gedanken könnten 1:1 von mir stammen, nur habe ich diese noch nie so einleuchtend und interessant in Worte fassen können. Das ist ein Talent was man gebrauchen sollte.

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  2. Schlimm sind immer diese Mitläufer, da sie sich aus ihrem Tun einen rein persönlichen Vorteil erhoffen, indem sie sich jeweils hinter die momentan scheinbar Stärkeren stellen und diese gedankenlos aber lautstark unterstützen. Mitläufer sind Einzel gesehen schwach und ängstlich und fühlen sich erst in der Masse stark, deshalb rotten sie sich auch gerne zusammen. Mitläufer lassen sich schwer aufklären und belehren…

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