Der neueste Schrei: Trauerkritik

Die Anschläge in Paris haben unsere Welt erschüttert. Ich sage bewusst unsere, denn schon alleine das, stößt auf Kritik. Denn als tausende Menschen ein für sich adäquates Mittel wählten, um ihre Betroffenheit auszudrücken – nämlich Ihr Profilbild bei Facebook mit den französischen Farben zu hinterlegen – kamen plötzlich von allen Seiten Kritiker. Darunter einige, die sich für wahrlich schlau und erleuchtet halten.

Ich bin mit den Gedanken, die ich hier jetzt äußere, lange ’schwanger‘ gegangen. Es ist ein komplexes Thema, aber es möchte eben doch mal raus. Eine Facebook-Freundin hat mir mit dem Ausdruck ‚Trauerkritik‘ den entscheidenden Anstoß gegeben.

  1. Die Trauerkritiker bringen verschiedene Gründe an, warum das ‚Flagge zeigen‘ (!) falsch (!) ist. Einer davon war, kurz zusammengefasst, dass man damit Terroristen in die Hände spielen würde. Liebe Leute: diejenigen, die irgendwem was in die Hände spielen sind diejenigen, die an Spaltungen der Gesellschaft mitwirken. Und Trauerkritik ist eine solche Mitwirkung. Und gerade diejenigen unter Euch, die im Coaching-, Beratungs- oder Therapiebereich unterwegs sind, sollten wissen, dass diese Dinge höchst individuell verarbeitet werden und auf höchst individuellen Wegen geschehen. Jeder, der sein Profilbild entsprechend umgestellt hat, hat das auch irgendeinem Grund getan, und sei es nur, um etwas gegen die Ohnmacht getan zu haben. Handlung hilft gegen Angst. Und für jeden, der es so gemacht hat, heißt das, das es nicht zu destruktiven Angstentgleistungen gekommen ist. Eine Kritik daran baut Mauern auf. Aufklärung ist eine Sache, aber nichts von dem, was ich gelesen habe, hatte was von Aufklärung, sondern von erhobenen Zeigefingern. Ein User kommentierte das so: „das ist auch eine Art, Krieg zu führen“.
  2. Die Trauerkritiker wendeten sich gegen die von ihnen so wahrgenommene Tatsache, dass Paris in den Köpfen eine wichtigere Rolle spielte als beispielsweise Beirut und wehrten sich dagegen, dass ein europäisches Menschenleben mehr wert sei, als ein syrisches, irakisches… und so weiter. Nein, dem ist mitnichten so! Es ist schlichtweg natürlich, dass das, was näher liegt, auch mehr Eindruck hinterlässt. Wir hören jeden Tag von Straftaten. Wir können gar nicht leisten, bei allen gleichermaßen betroffen zu sein. Also hat das Gehirn eine Schranke eingebaut. Diese Schranke entscheidet, was rein kommt und was nicht. Und rein kommt im Grunde, Achtung: Paradoxon, was schon drin ist. Sprich, Informationen müssen andocken können, um reinzukönnen. Habe ich Menschen in Beirut, war ich selbst mal da, ist es meine Heimat, betreffen mich Vorkommnisse dort deutlich mehr, als wenn das nicht der Fall ist. Das ist kein Diskriminierung, das ist schlichtweg natürlich. Und die Kritik daran ist ebenfalls eine Art, Krieg zu führen.

Mein Tipp: Harry Potter aufmerksam lesen. Ihr lacht? Ich meine das ernst. Harry Potter hat eine Message, die da lautet: Einigkeit ist der stärkste Schutz gegen dunkle Mächte und Gefahren. Kürzlich berichtete eine Geisel des IS, wie sehr es die Dschihadisten verunsichert hat, dass wir die Flüchtlinge so willkommen geheißen haben. Mehr als Flugangriffe, hieß es. Versteht Ihr das? Der Mann berichtet davon, wie klein und zerbrechlich diese Menschen sind, die den Krieg brauchen, die die Brutalität brauchen, um sich mächtig zu fühlen. Versteht Ihr, was das heißt? Es heißt, dass sie nur dann Macht haben, wo wir es zulassen, weil wir Risse in unserer Gemeinschaft zulassen. Wie wäre es also, Menschen ihren eigenen Weg zu lassen, mit den Geschehnissen umzugehen, sie vielleicht sogar zu unterstützen und ein Klima zu erschaffen, in dem wir zusammen halten und an einem Strang ziehen können?

7 Gedanken zu “Der neueste Schrei: Trauerkritik

  1. Absolut wahre Worte und auch meine Gedanken der letzten Zeit, auch wenn mir der Begriff Trauerkritiker noch nicht unterkam.
    Und so nebenbei: ich les grad Harry Potter 🙂 (nicht zum ersten Mal, aber dafür diesmal auf englisch…)
    LG Mary

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    1. Hallo Mary! Danke für Deine Worte! Ja, welch ein schöner ‚Zufall‘ 😉 Mir fällt immer wieder auf, wie tief die Philosophie hinter Harry Potter geht. Dass eine Frau dieses Werk geschaffen hat… toll!

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  2. Ich bin dann wohl auch eine Kritikerin der Trauerbewältigung von dem Anschlag in Paris. Nicht darüber, ob und wie die Menschen trauern. Trauer ist etwas persönliches, da kann keiner reinreden.
    Ich finde es aber nicht in Ordnung, dass Facebook einen Fotofilter mit der französischen Flagge zur Verfügung stellt. Es gibt Opfer in Beirut zu beklagen, in Ägypten wurde ein Flieger mit 200 russischen Touristen vom Himmel geholt, wo gibt FB hier die Möglichkeit der Anteilnahme? Es gibt keine.
    Eine Schweigeminute und Solidarität mit Frankreich ist großartig und m.E. auch richtig. Aber es hätte nicht weh getan letzten Montag an alle Opfer des IS zu Gedenken, in Paris und anderswo. Dann hätte das Wort Solidarität und Mitmenschlichkeit noch mal eine ganz andere Qualität erhalten.

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    1. Hallo Isabelle, in dem Fall richtet sich Deine Kritik an Facebook und sollte dann auch an Facebook gerichtet sein, nicht an diejenigen, die die Funktion nutzen. Denn gäbe es andere Flaggen, würden sie von den Leuten, die sich betroffen fühlen, ebenso verwendet. Ansonsten hätte außerhalb von Facebook jeder die Möglichkeit, sowas selbst herzustellen – was Facebook ja auch erst auf die Idee gebracht hat. Und es gibt andere Symbole, wie der Trauerflor, der benutzt wurde. Ich denke eher, dass es ein Aufhänger ist, seine eigenen Gefühle auf etwas zu projizieren – ist ja die übliche Form, die wir gelernt haben, um mit Gefühlen umzugehen -, was wiederum genau denjenigen in die Hände spielt, die Zwietracht säen wollen…

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  3. ich habe gestern das wort trauerkritik zum ersten mal gelesen und dabei eine sehr bezeichnende illustration gesehen. ich verstehe die menschen nicht, die anteilnahme anderer heruntermachen und ich unterschreibe sehr, was du schreibst. ich finde es traurig, dass es soviele menschen zu geben scheint, die immer nur dagegen sind. die alles besser wissen. die nur davon profitieren andere zu belehren und herunterzumachen.
    natürlich löst ein französisch gefärbtes profilbild kein problem. aber zumindest heißt es: i care. es ist mir nicht egal. ich empfinde etwas. und das ist sehr viel mehr als das, wozu diese „hater“ in der lage sind.

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    1. Genau! Wobei wir auch da wieder aufpassen müssen, dass wir nicht da auch wieder eine neue Front aufmachen. Das ist ja leider sehr leicht. Es gibt eine ‚Regel‘, die mir dabei hilft: menschliche Taten sind in letzter Konsequenz durch zwei Gefühle motiviert. Durch Liebe oder Angst. Was es letztlich ist, sieht man am Ergebnis recht deutlich. Das heißt, jemand, der z.B. so handelt, handelt aus Angst. Also ist die Frage: wovor und was können wir tun? Je mehr wir das schaffen, umso größer sind unsere Chancen auf eine friedliche Welt…

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