Noch 2 Tage – Schatten und Feuer

Zu meinem Artikel zum Thema Arbeit(slosigkeit) bekam ich einen sehr berührenden Kommentar von Anja von ‚Prignitzer Hinterland‚. Dieser Kommentar ist mir direkt ins Herz geschossen, aber er hat mich auch nachdenklich gemacht.

Es stimmt, dass ich heute nicht mehr jammere über das, was geschehen ist. Was vielleicht auch daran liegt, dass es jetzt auch vorbei ist. In erster Linie liegt es aber daran, dass ich es getan habe. Ich habe gewütet, gehasst, getrauert, war in der Opferrolle und wieder draußen, habe mich gewehrt und gekämpft. Das Thema Arbeit ist ja in meinem Fall extrem eng verbunden gewesen mit dem Thema Familie. Aufgrund dessen hatte ich hier ein Wachstumsfeld vor mir, das überhaupt nicht ohne war.

Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Reife besteht nicht darin, all das nicht zu tun. Reife ist man nicht dann, wenn man nie wieder in die Opferitis Humana kommt. Man ist nicht reif, weil man nur noch fröhlich ist und so ungeliebte Gefühle wie Hass, Angst, Wut, Trauer, Hilflosigkeit und Ohmacht und so weiter nicht mehr fühlt. Das ist eine Einstellung, die man in der, wie Veit so liebevoll sagt, ’spirituellen Flachlandszene‘ häufig findet. Dort versuchen Menschen nämlich mit ihrem ‚Licht – und Liebe – Gehabe‘ vor diesen Gefühlen weg zu laufen. Was letzten Endes nur alle schon vorhandenen Problematiken verstärkt. Häufig gehen sie dann auch richtig in den Körper, weil das Bewusstsein fest verschlossen für Erkenntnis ist.

Echte Reife besteht darin, alles da sein zu lassen. Echte Reife ist das Wissen darüber, dass Wut, Hass, Angst, Trauer und Ohnmacht zum Leben dazu gehören und gefühlt werden möchten. Echte Reife bedeutet, nicht mehr von den Gefühlen wegzulaufen oder vorzutäuschen – anderen oder sich selbst – sie wären nicht da. Und das ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben, denen sich ein Mensch stellen kann.

Diese Gefühle sind etwas, das uns Angst macht. Und zwar so sehr, dass wir alles tun, um sie nicht fühlen zu müssen. Dafür gibt es einen Grund: es gab mal eine Zeit in unser aller Leben, in dem uns Gefühle hätten umbringen können. Nämlich zu einer Zeit, als wir noch vollständig abhängig von anderen Menschen, meistens unseren Eltern, waren. Dazu gab es spannende und zum Teil sehr grausame Studien und Experimente, die zeigen, dass ein Baby tatsächlich an Gefühlen sterben kann. Die erste Fähigkeit eines jeden Kindes ist es, eine Strategie zu leben, die die Liebe der Eltern und damit das Erleben guter Gefühle und das Abdecken von Bedürfnissen wie Sicherheit, Nahrung, Wärme und Nähe zu garantieren. Wir alle sind Meister darin und leider meistens bis zu unserem Tod durch diese Strategie geprägt. Allermeistens ohne es zu merken. Das liegt daran, dass die westliche Gesellschaft keine Initiationsriten mehr hat, in denen die Individuation eines Kindes geschieht oder zumindest angestoßen wird. Diese Riten fördern etwas, das wir heute unter ‚Erfolgsbewusstsein‘ verstehen können: die Selbstwirksamkeit. Und damit den Beginn des Erwachsenenalters. Wir haben das nicht mehr. Wenn wir uns aber von den vormals lebenswichtigen frühkindlichen Strategien, die später im Leben keine Hilfe sondern handfeste Blockaden darstellen, verabschieden wollen, brauchen wir einen Ersatz. Der Human Trust ist so ein Ersatz-Angebot.

Im Human Trust steht die direkte Schulung der erlebten Selbstwirksamkeit als roter Faden im Fokus. Selbstwirksamkeit ist das Gegengift für die frühkindlichen Überlebensstrategien. Und der Weg dahin wird unweigerlich immer wieder über das Fühlen von Gefühl, über das Stehenbleiben im eigenen Feuer der Gefühle, laufen. Das ist ist es, was gemeint ist, wenn von Schattenarbeit die Rede ist. Und daraufhin entsteht Reife.

Ich möchte jetzt, bitte versteht mich da richtig, der lieben Anja keine Spiriflachland-Einstellung unterjubeln. Sie ist selbst im Trust, ich vermute mal, dass sie es besser weiß. Der Impuls, diesen Text hier zu veröffentlichen kam mir, weil ich glaube, dass viele das, was ich als Ergebnis einer laaaaaangen Reise (die in meinen überaus katastrophalen Beziehungen begann, mich über die schlimmsten Gefühle und die Opferitis Humana an den Punkt gebracht hat, an dem ich heute bin) als ‚das richtige Verhalten‘ oder ‚die richtige Art, mit den Dingen umzugehen‘ ansehen könnten. Dem ist nicht so. Es ist ein dynamisches Ergebnis, das mal erreichte, mal angepeilte Ziel, aber nicht die Straße dahin.

Es ist für das eigene Lebensglück unendlich wichtig, das zu verstehen. Versuche ich diesen Zustand künstlich herbei zu führen und dabei die wahrhaftige Begegnung mit mir selbst, mit meinen Schatten, zu umgehen, werde ich nicht da ankommen, wo ich hin will. Dann spiele ich mir ständig selbst was vor, kämpfe tagtäglich gegen meine Schatten, was mich müde und kraftlos macht, versuche sie vor mir selbst zu verbergen. Das geht immer nur so lange gut, bis das Leben mich gewaltsam zwingt, aufzuwachen – durch Krankheit, durch schlimme Erfahrungen, dadurch, dass ich gegen die immer selben Wände renne. Und das wird es, früher oder später!

Im Human Trust geht es um Wahrhaftigkeit, denn nur die Wahrhaftigkeit ebnet uns letzten Endes den Weg ins eigene Lebensglück. Wer das versteht, hat einen Vorteil. Wer das wenigstens im Ansatz leben kann, hat schon richtig viel gewonnen. Und ich wünsche das jedem, wirklich, von Herzen!


Ein kleiner Hinweis: Das Bild zeigt unser Osterfeuer, was das Symbol ist, für die Auferstehung durch das Feuer. Das meint nicht den religiösen Sinn, sondern die Analogie auf das menschliche Leben und den menschlichen Lebensweg. Die Reinigung des Menschen (von seinen überalterten Strategien) resultiert in der Wiedergeburt des gereiften, initiierten Menschen, der von nun an sein Leben eigenständig gehen kann. Es ist kein Zufall, dass dieses Fest im Frühjahr, also in Analogie zur menschlichen Lebenszeit, im Teenager-Alter angesetzt ist. Wir brauchen das Feuer der Auferstehung und die Wiedergeburt des geheilten Menschen, um unser Potenzial zu entfalten und damit unseren ureigenen Lebenszweck zu erfüllen.

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3 Gedanken zu “Noch 2 Tage – Schatten und Feuer

  1. liebe melanie, ich finde es toll, wie reflektiert du diese entwicklungen beschrieben hast. wir haben alle schon einen langen weg hinter uns und es ist wichtig, dass wir ihn gehen, auf welche art auch immer. dass wir versuchen, aus diesen mustern und strukturen auszubrechen, die wir gelernt haben und die uns steuern können.

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