Kollektives Trauma ‚Wir-Gefühl‘

Immer wieder ist sie da, ständig schwingt sie mit: die Angst vor der Gemeinschaft.Bei vielen vielen Menschen, die vom Human Trust hören, schwingt diese Angst mit. Und tagtäglich ist die Anfrage ‚Human Trust Sekte‘ oder ‚Veit Lindau Sekte‘ der häufigste Grund, warum Menschen auf meinen Blog kommen.

Ich habe mich oft und lange gefragt, wie kann das sein? Kaum eine Sehnsucht ist so groß in jedem einzelnen von uns, wie die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, nach Zusammengehörigkeit und gleichzeitig macht uns scheinbar nichts so viel Angst. Und je länger ich darüber nachgedacht habe, umso logischer wurde es. In uns kämpfen zwei Bedürfnisse.

Das erste Bedürfnis ist ur-menschlich, denn der Mensch ist ein Herdentier. Ohne Gemeinschaft geht der Mensch ein. Ohne Gemeinschaft entfaltet der Mensch nur einen Bruchteil seiner Kraft. Ohne Gemeinschaft geht uns der Sinn und damit viel Kraft verloren. So sind wir gemacht und wir werden immer innerlich danach streben.

Gleichzeitig sind wir zu Einzelgängern geworden. Ich glaube, das hat viele Gründe. Frühe Enttäuschungen und die Erfahrung, nicht angenommen zu werden dürften ein wichtiger Grund sein. Ebenso der große Wert, den wir auf Individualität legen und auf Freiheit. Wir haben das Gefühl, dass wir unsere Individualität nicht leben können und auf Freiheiten verzichten müssen, wenn wir gemeinschaftlich leben und dafür sind wir nicht bereit. Aber ich glaube, es gibt noch einen anderen Grund. Stell Dir mal bitte folgende Frage: Was wurde Dir im Geschichtsunterricht darüber erzählt, warum der zweite Weltkrieg überhaupt möglich war? Kannst Du Dich erinnern? Was war der Grund, warum ein ganzes Land dieser gefährlichen Ideologie eines einzelnen kranken Geistes verfallen und blind folgen konnte?

Ich – und viele Menschen in ganz Deutschland – haben gelernt, dass Hitler ein Meister darin war, Wir-Gefühl zu erschaffen. Die Strukturen und Hierarchien im Dritten Reich waren darauf ausgerichtet, den Menschen in ihnen ein Wir-Gefühl und das Gefühl von Macht zu verschaffen, um sie so zu motivieren, ihrem Führer ins Verderben zu folgen. Keine Motivation ist so stark wie die, die an diese urmenschlichen Bedürfnisse andockt. Doch in diesem Fall ging es Missbrauch! Und so haben wir es uns eingehandelt: Ein massives kollektives Trauma, das uns als Gesellschaft gesagt hat: auf sowas fallen wir nie wieder rein!
Die Angst davor und die konsequente Entscheidung sind derart machtvoll, dass wir uns scheinbar kollektiv gegen jede Form von Gemeinschaft entschieden haben, die mehr Menschen als eine handelsübliche Familie umfasst und ein gemeinsames Ziel verfolgt oder eine gemeinsame Ideologie hat. Zumal uns die Geschichte mit Sekten und anderen Beispielen ja auch mehr als genug Gründe dafür liefert, diese Haltung einzunehmen.

Und ja, ich sehe das genauso! Ich möchte wach sein und mich nicht von der Erfüllung meiner Bedürfnisse blenden und in Ideologien hinein ziehen lassen, die ich nicht verantworten kann. 

Allerdings: Wir vergessen dabei etwas Entscheidendes: nicht jedes Wir-Gefühl birgt automatisch diese Gefahr! Nicht jede Ideologie zielt darauf ab, sich Menschen untertan zu machen und sie in unsägliche Greuel zu führen. Es ist nicht alles schlecht und gefährlich, nur weil Menschen dem mit Überzeugung folgen. Angst ist nicht gleich Wahrheit. Angst ist kein guter Berater.  Nein, ganz im Gegenteil! Angst trennt uns von unseren Möglichkeiten, von unserem Potenzial. Angst engt ein, Angst beschneidet uns.

Also was tun? Anstatt der Angst blind zu folgen, macht es Sinn, die Tatsachen in Augenschein zu nehmen. Tatsächlich kann ich für mich ganz einfach überprüfen, ob eine Gefahr besteht, mich einer gefährlichen Gemeinschaft anzuschließen:

Indem ich meine Werte mit der Entwicklung der Gemeinschaft abgleiche und schaue, wie die Werte in der Gemeinschaft wirklich gelebt werden. Und wenn eine Gemeinschaft meine Werte verletzt, verlasse ich sie bzw. lasse ich mich gar nicht erst darauf ein.

Wenn ich wach und bewusst bin, kann ich nicht instrumentalisiert werden! 

Aber dazu muss ich mich konstruktiv mit der Gemeinschaft auseinander setzen, muss wissen, worum es geht und welche Ziele und Werte herrschen und wie sie wirklich gelebt werden. Und wenn ich das tue, ohne sofort dicht zu machen, dann öffnen sich mir Türen. Schöne Türen, friedvolle Türen, menschenfreundliche Türen, Türen, die mir mein Selbstwert- und mein Selbstwirksamkeitsgefühl zurück geben. Und zwar ohne Sorge, mich für irgendein gefährliches Ziel einzuspannen zu lassen. Weil ich wach bin. Wach, bewusst und offen.

Nur wer sich seinen Ängsten blind hingibt und dem folgt, was sie uns einflüstern, ist instrumentalisierbar! Und zwar leider viel zu einfach.

Ich persönlich finde es traurig, wenn wir Menschen uns aus Angst heraus Wege verbauen, die uns andernfalls helfen würden, unser Potenzial zu entfalten und ein Leben zu leben, auf das wir am Ende unserer Tage mit Freude zurück schauen. Ein Leben, das wir, wenn die Zeit kommt, gerne als ‚gelebt‘ loslassen können. Ich glaube, darum geht es im Leben. Denn in dieser Stunde werden wir auf uns selbst zurück geworfen und werden schonungslos damit konfrontiert, was wir wirklich gelebt haben. Wir werden alle unsere Masken und Rollen durchschauen und wir werden wissen, ob unser Leben den Sinn hatte, den wir ihm geben wollten. Ich für meinen Teil möchte in der Stunde sagen können: Ja, dieses Leben habe ich voll gelebt! Ich möchte nicht erkennen müssen, was ich alles nicht getan habe, weil ich meinen Ängsten die Macht über mich gegeben habe. Wachheit, Klarheit und Offenheit sind meine besten Freunde, wenn ich dieses Ziel erreichen will. Und das gilt für jeden, der sich mit diesen Zeilen identifizieren kann.

Ein Gedanke zu “Kollektives Trauma ‚Wir-Gefühl‘

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