Mythos Selbstliebe

Kürzlich hatte ich ein sehr intensives Gespräch mit meiner Freundin. Wie bei uns allen früher oder später, steht auch bei ihr das Thema Selbstliebe an. Im Gespräch kam heraus, wie sehr man sich mit dem Thema Selbstliebe unter Druck setzen kann. Das hängt mit dem grundsätzlichen Irrtum zusammen, was wir glauben, was Liebe sei.

Ich persönlich mag das Wort Liebe nicht so gerne, davon hab ich ja schon mal  während der ‚Ich Liebe Dich‘-Wochen berichtet. Damals habe ich erzählt, wie ich selbst ‚Liebe‘ und ‚Verliebt sein‘ immer verwechselt habe. Allgemein gesprochen glauben wir alle immer noch, dass Liebe ein Gefühl sei. Also trachten wir danach, Liebe zu fühlen. Wenn wir Lieben, so der Anspruch an uns selbst, dann müssen wir das auch fühlen.

In Nena’s Song ‚Liebe ist‘ kann man ein Gefühl davon bekommen, dass Liebe in Wirklichkeit etwas sehr Unaufgeregtes ist. Denn Liebe ist mitnichten ein Gefühl, sondern eine Einstellung. Wir fühlen tatsächliche Liebe häufig gar nicht, wir handeln nach ihr. Das ist ein gewaltiger Unterschied und die Fixierung auf die Idee, Liebe fühlen zu müssen, macht uns das Leben unnötig schwer.

Mir hat damals ein Text von Susanne Hühn, einer spirituellen Autorin, die vermutlich viele Skeptiker mit ihrer Bodenständigkeit überraschen mag (darum auch die Bezeichnung ’spirituell‘ und nicht ‚esoterisch‘):

Die Aufforderung sich selbst zu lieben, wirkt fast wie eine spirituelle Waffe, mit der du dich selbst schachmatt setzen kannst, denn was machst du, wenn du dich nun mal nicht selbst liebst? Es ist unglaublich schwierig, den eigenen Emotionalkörper so zu programmieren, dass man Liebe für sich selbst empfindet – und zum Glück ist es gar nicht nötig. […] Sich selbst zu lieben, ist aber ein vollkommen natürlicher Zustand, und er hat nichts mit deinem Emotionalkörper zu tun. Ob du Liebe zu dir selbst spürst oder nicht, spielt gar keine Rolle, weil die Liebe, die wir brauchen, in höheren Ebenen unseres Selbst sowieso vorhanden ist. Wenn wir von Liebe sprechen, besonders davon, uns selbst zu lieben, einen wir meistens das Gefühl ‚Liebe‘. Gemeint ist aber die innere Haltung von Liebe.  […] Du hast Interesse daran, dass es dir gut geht und dass du erfüllt bist. Du möchtest dich entwickeln, etwas mehr über dich erfahren und deinen guten Weg mit dir selbst gehen. Du hast […] eine intensive Beziehung zu dir selbst und zu deinem Körper, und du bist bestrebt diese Beziehung zu verbessern und dir selbst zu geben, was du brauchst. Du übernimmst Verantwortung für dein Glück, für deine Bedürfnisse und dafür, stabiler, ruhiger, ausgeglichener oder was auch immer du erreichen willst, zu werden.
DAS ist Liebe. Unsere Gefühle sind oft sehr wankelmütig und instabil, denn der Emotionalkörper ist ein Energiefeld, mit dem wir Energien als Emotionen wahrnehmen, kein Feld, das sie erzeugt!. Wenn wir versuchen, dauerhaft Liebe in unseren Gefühlen zu erzeugen, dann müssen wir dieses Energiefeld unentwegt programmieren und kontrollieren. Und oft versuchen wir genau das, dabei ist es viel zu anstrengend und meistens sowieso nicht von besonders viel Erfolg gekrönt.
Bitte hör auf, zu versuchen, dich selbst zu lieben […].

aus Susanne Hühn: Mit Meditationen zum Wohlfühlgewicht

Meine Freundin hat im Laufe des Gesprächs, genau wie ich damals, erkannt, wo sie sich unnötig stresst. Im Grunde hat sie dadurch einen Energiefresser im Alltag erkannt. Als ich sie fragte, wie sich das Thema ‚Selbstliebe‘ denn für sie anfühlte, meinte sie, es hätte was von Sysiphos-Arbeit. Eine Anstrengung, die nie zum Ziel führt. Genauso ist es, wenn man die innere Haltung der Liebe mit dem Gefühl ‚verliebt sein‘ verwechselt.

Selbstliebe hat in erster Linie etwas mit Selbstfürsorge zu tun. ‚Sich selbst die beste Freundin sein‘, ist eine Leitlinie, die hier sehr sinnvoll angewendet werden kann. Ich fragte meine Freundin, ob sie jeden Tag Liebe für mich fühle? Erwartungsgemäß antwortete sie mit einem ’nein‘. Ob sie denn deshalb unsere doch sehr tiefe Freundschaft anzweifle oder meinte, das wäre keine Liebe zwischen uns? Auch das verneinte sie. Unsere Freundschaft ist gekennzeichnet durch einen tiefen Respekt vor dem anderen, vor seiner Persönlichkeit. Wir haben so viel Respekt, dass wir immer ehrlich und offen kommunizieren und uns damit die Möglichkeit und darauf folgend auch den Raum für Wachstum geben. Unserer Freundschaft liegt das grundsätzliche Wissen zugrunde, dass, egal was passiert, der andere niemals in seiner Persönlichkeit in Frage steht und dass sogenannte Kritik als Impulsbuffet zu werten ist, von dem man sich bedienen kann, wenn es gerade Sinn macht, oder halt eben nicht, während der Impulsgeber sich darüber bewusst ist dass es ein Impuls ist, die eigenen Wahrheit, nicht DIE Wahrheit schlechthin. Das heißt, unserer Freundschaft liegt eine Einstellung zugrunde, auf die wir uns bewusst geeinigt haben und die wir aufgrund von Erfahrung nach und nach auch in unseren Referenzen und im Umgang miteinander verankert und gefestigt haben. Wir haben uns quasi auf diese Freundschaft eingestellt, haben also Einstellungen entwickelt, die auf Respekt und Fürsorge basieren. DAS ist in meinen Augen Liebe. Und die fühlen wir üblicherweise nicht. Sie ist ziemlich unaufgeregt und ziemlich das, was Nena besingt.

Selbstliebe bedeutet also für mich, mich mir selbst gegenüber einzustellen, auf Basis von tiefem Respekt, echter Achtung vor dem Menschen, der ich bin, und eben einer sehr gesunden Fürsorge. Es ist also ein Stück weit eine Alltagsübung, denn diese Einstellung verpflichtet mich mir selbst gegenüber für gute Nahrung zu sorgen (leider immer noch schwierig), für gute Beziehungen zu Menschen zu sorgen, die mir die Möglichkeit und den Raum für Wachstum sowie ihre Nähe und ihre Zeit schenken (dafür DANKE, Ihr Lieben!), in Konflikten bei mir zu bleiben, meine Eigenverantwortung anzunehmen und die Fremdverantwortung denen zu überlassen, denen sie rechtmäßig gehört (zum Beispiel muss ich kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie jemand über mich ärgert. Ärger ist eine Emotion und Emotion entsteht aufgrund von Gedanken, die wiederum eine Reaktion auf mich sein können, aber eben eine RE-Aktion. Ich bin nicht der Urheber. Ich kann anderen Menschen keine Gefühle mache). Ich sorge dafür, dass mein Umfeld für mich passt. Anfangs kann das wie eine enorme Aufgabe aussehen, aber mit jedem Schritt in Richtung Selbstrespekt und Selbstfürsorge (gleich Selbstliebe), wird das Leben leichter, freier, schöner und bunter. Eben supercalifragilisticexpialidocious!

Und nun die Gretchenfrage an Euch: Wie haltet Ihr es mit der Selbstliebe?

3 Gedanken zu “Mythos Selbstliebe

  1. das sind sehr schöne und weise erkenntnisse. den unterschied zwischen liebe und verliebtheit nicht zu erkennen macht glaube ich vielen menschen große probleme. in puncto „selbstliebe“ jedenfalls ein interessanter aspekt.

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