Form vor Inhalt? Die Wertschätzungs-Keule

(Nicht nur, aber ganz besonders) In der spirituellen Szene gehört es zusammen mit ‚Achtsamkeit‘ ‚Liebe‚ und ‚Empathie‘ zu den großen, jedoch meist sehr falsch verstandenen, Schlagwörtern: Wertschätzung. Wertschätzung gehört zu den großen Anforderungen im Umgang mit anderen. Und ganz ehrlich, der Meinung bin ich auch. Aber was genau ist eigentlich Wertschätzung?

Auf einem Vortrag von Veit ging es um Beziehungen und darum, wie wichtig Werte UND IHRE GENAUE DEFINITION für eine Beziehung sind. Er brachte das Beispiel der Ehrlichkeit an und erzählte eine Begebenheit, die viele von uns vermutlich kennen: ein Paar einigt sich darauf, dass Ehrlichkeit ein wichtiger Wert in der Beziehung ist. Und dabei bleibt es dann. Was nun nur keiner weiß: wie definiert denn der andere Ehrlichkeit eigentlich? Man geht still schweigend davon aus, dass beide Partner dasselbe meinen. Ist aber nur selten der Fall. Denn Ehrlichkeit kann definiert werden als ’nicht die Unwahrheit sagen‘, aber auch als ‚immer alles sagen‘ oder… oder… oder… Dasselbe Problem hat man gerne mal mit dem Wert der Treue. Für die einen ist er schon verraten, wenn der Partner einen anderen Menschen attraktiv findet, für andere hingegen ist ein Küsschen auf die Wange noch lange kein Problem. Ganz andere sehen Treue ausschließlich auf geistiger Ebene oder eben ausschließlich auf körperlicher Ebene.

Wie ist das also mit dem Wert der Wertschätzung? Wertschätzung bedeutet den Wert schätzen, ganz wörtlich genommen. Will heißen, Wertschätzung hat was damit zu tun, sich selbst und anderen den Wert zuzugestehen und anzuerkennen, den sie haben.

Für die allermeisten drückt sich Wertschätzung in der Art und Weise der Kommunikation aus. Demnach bin ich für manche Leute dann wertschätzend, wenn ich jedes Gespräch damit beginne, dem anderen seinen Wert zu sagen, bevor ich es auch nur wage, etwas anderes zu sagen. Beispielsweise Kritik. Tatsächlich gibt es Orte, Menschen, Gruppierungen, Organisationen, denen diese Form (!) der Wertschätzung extrem wichtig ist, und die sich auch nur dann gewertschätzt fühlen. Das passt für mich nicht zusammen mit der Eigenverantwortung. Mit Wertschätzung verhält es sich, wie mit der Liebe: wenn ich mich selbst nicht liebe, kann ich Liebe auch nicht annehmen. Denn wenn ich mich selbst nicht liebe, dann werde ich mich nicht überzeugen lassen, dass ein anderer mich lieben könnte. Und so läuft es auch mit der Wertschätzung: wenn ich selbst meinen Wert nicht kenne, können andere ihn mir tausende Male erzählen, ich werde es eh nicht annehmen können. Wenn ich mich allerdings ehrlich liebe, dann brauche ich die Bestätigung im außen auch  nicht mehr. Dann ist es schön, wenn ich sie bekomme, aber ich muss sie nicht mehr einfordern. Denn dann ist sie ja schon da. Dasselbe gilt für die Wertschätzung.

Und es geht weiter: Ich halte es für ziemlich respektlos (Respekt und Wertschätzung sind für mich eng verwandt), wenn mir jemand Dinge durch die Blume sagt. Weil er sich dann meiner Meinung nach hinter der Blume versteckt und ich im Schlimmsten Fall, weil ich eben auch nur über 0,003 % Wahrnehmung verfüge, auch nur Blume mitbekomme. Da hat jemand also das Bedürfnis, mir etwas mitzuteilen, aber macht es davon abhängig, dass meine 0,003% genau auf sein Bedürfnis ausgerichtet sind? Und ich darf dann den Blumenstrauß durchforsten? Das hat für mich mit eigenverantwortlichem Handeln nichts mehr zu tun. Und es wälzt die Verantwortung auf mich ab. Eigentliche halte ich diese Form von Diplomatie (so nennen es ja viele) für ziemlich feige. Mir wird ein Blumenstrauß überreicht, aber es bleibt ein Nachgeschmack. Aber es bleibt mir überlassen, dem Nachgeschmack auf die Spur zu kommen und bis das geschehen ist, ist der Überbringer natürlich über alle Berge und hat sich schön aus seiner Eigenverantwortung entzogen. Er hat mir seine Wahrheit nicht zugemutet, er hat sie sich vor allem nicht mal selbst zugemutet. Er hat sie verpackt, verschenkt und den Empfänger damit allein gelassen. Ist das Wertschätzung? Für mich nicht. Und Eigenverantwortung auch nicht.

Die Transformationstherapie hat mir Eigenverantwortung beigebracht. Es ist eine der Grundsäulen dieser Therapieform, die eigentlich eine Lebenshaltung ist. Sie besagt, die Wirkung geht immer von innen nach außen. Heißt: alles, was ich erlebe, geht auch von mir aus. Es hat mit meiner Grundhaltung und mit meiner eigenen Wahrnehmung zu tun. Erfahre ich keine Wertschätzung, dann habe ich keine Wertschätzung in mir. Und sie besagt auch, dass ich zum einen dafür sorgen muss, dass meine Wahrheit eine Rolle spielen kann und dass ich sie auch anderen zumuten darf. Denn wenn ich es erst verpacken muss, wenn ich daraus erst etwas machen muss, was unter Umständen gar nichts mehr mit dem Ursprung zu tun hat, bevor ich es anderen zumute, dann mache ich den anderen klein. Dann schicke ich damit unweigerlich die Bedeutung mit, dass ich dem anderen die Wahrheit in ihrer vollen, radikalen, ungeschminkten Form gar nicht zutraue. Ich sage: anders kannst du das gar nicht! Und: ich weiß, wie du es verkraften kannst. Ich mache den anderen nicht nur klein, sondern ich stelle mich auch über ihn. Beides hat für mich mit Wertschätzung nicht viel zu tun.

Ein Teil meines Respekts vor dem Menschen, ist, dass ich ihm zutraue, mit allem, was da kommt, klar zu kommen. Gläubige sagen, Gott gibt dir nie mehr, als du tragen kannst. Ich bin nicht wirklich katholisch, aber spirituell und ich glaube das zutiefst. Ich traue jedem Menschen sein Leben und seine Erfahrungen in vollem Umfang zu. Und ich muss niemanden vor irgendetwas beschützen. Auch nicht vor meiner Wahrheit. Sich voll und ganz aufeinander einzulassen, und das ist in wirklich tiefen Verbindungen nun mal Voraussetzung, bedeutet nun mal, sich der Wahrheit des anderen auszusetzen. Und ja, das bringt einen manchmal ins Feuer und die Herausforderung ist es eben, stehen zu bleiben, nicht zu projizieren, nicht zu werten und vor allem vom anderen nicht zu verlangen, sich zu ändern, nur weil es einen selbst eben triggert. Ein andere Mensch kann nichts triggern, was in mir nicht da ist. Die Gefühle, die dazu gehören, sind in mir, sie unterliegen meiner Verantwortung und wurden mir nicht vom anderen aufgezwungen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass der Hass in der dieser Welt, speziell in Deutschland und auch den USA, ein Produkt einer Kultur ist, welche die Form über den Inhalt stellt. Diplomatie, im Sinne vor, die Dinge durch die Blume zu sagen, so, dass er andere nach Möglichkeit nicht getriggert wird, wird so durchgängig gelebt, dass wir verlernt haben, damit umzugehen, wenn wir getriggert werden. Wir nehmen zu viel Rücksicht auf die möglichen Gefühle anderer, die Konfrontation damit bleibt aus und damit auch die Souveränität im Umgang mit ihnen. Aber diese braucht man, damit man Raum für Klarheit hat, denn fehlt die Souveränität, dann reagiert unweigerlich das verletzte Innere Kind (bzw. der Aspekt in einem, der getriggert wurde), und nicht der bewusste Erwachsene. Die Ergebnisse daraus kann man derzeit alltäglich in den Nachrichten verfolgen.

Es ist nicht immer leicht für die Menschen, die sich meine Freunde nennen. Und jeder, der mich kennt und das liest, wird wohl gerade schmunzelnd mit dem Kopf nicken. Sie wissen, dass ich ziemlich gnadenlos für Wachstum einstehe und da auch nicht wirklich Pausen kenne. Ich kann eine ganz schöne Herausforderung sein. Aber, es gibt Menschen, und dafür bin ich zutiefst dankbar, die verstanden haben, keine Angriffe oder Geringschätzung oder sonstige Beleidigungen darein zu interpretieren, sondern es als Angebot zu nehmen, das man annehmen oder eben liegen lassen kann. Und sogar als Kompliment. Eine meiner Freundinnen hat mir mal gesagt, was für ein großes Geschenk es für sie ist, dass jemand so viel Zeit und Mut für sie aufbringt. Diese Menschen sehen es als Geschenk und machen es mir ihrerseits zum Geschenk. Zugegeben, das sind nicht ganze Säle voller Menschen, sondern gerade mal eine Handvoll von sehr wachstums-, heilungsorientierten und ziemlich wachen Menschen. Aber genau wie für mich Inhalt über Form geht, geht mir Qualität über Quantität. Was nützt mir ein Saal voller Menschen, die zwar alles super ideal und getreu sämtlichen vermeintlichen Kommunikationsregeln ausdrücken könne, aber nicht mehr in der Lage sind, klar zu sagen, was sie eigentlich denken und sagen wollen? Nüscht!

In diesem Sinne kann ich nur appellieren: werdet wieder ehrlich! Legt nicht alle Bedeutung in die Worte, sondern in die Taten. Wenn jemand Euch schöne Worte schenkt, aber nicht für Euch da ist, dann sagt das doch einiges. Wenn jemand Euch unangenehme Dinge sagt, aber fest an Eurer Seite steht, ebenfalls. In diesem Sinne: Awakeness is to have no script and Waking up requires Deframing and Deconstructing false views!

 

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