Etwas womit man in Deutschland nicht umgehen kann…

… ist Ehrlichkeit. Sorry, aber es ist so. Unehrlichkeit ist so tief verankert in unserem kulturellen Verhaltensanforderungen, die allerwenigsten bemerken sie überhaupt noch. Es gehört zum dem, was man beherrschen muss, wenn man in der Gesellschaft ernst genommen werden will. Man muss die eigenen Meinung vor den Berg halten und ganz klar davon ausgehen, dass auch der andere es tut – bzw. dass auch der andere mit Ehrlichkeit nicht umgehen kann. Und da wundern wir uns, dass bei der Kommunikation an so vielen Stellen so viel im Argen liegt? In der Familie, in der Beziehung, im Job, im Freundeskreis….?

Beispiel: Nehmen wir mal an, ich stelle jemandem eine klare Frage. Sagen wir mal, rein fiktiv, ich gehe zu einem Auto-Verkäufer und sage ihm, ich habe so und so viel Geld. Welches Auto kann ich mir davon leisten? Seine Antwort ist: „Na, welches wollen Sie denn?“ und zeigt in den Verkaufsraum. Also gehe ich los, schaue mir die Autos an, aber natürlich suche ich mir das Beste raus. Der Verkäufer lächelt und sagt dann, „Gerne, aber ich müsste Sie an meinen Partner in der anderen Stadt verweisen, da dieses Auto nur zum Vorführen hier steht.“ Okay, denke ich mir. Ich kann da ja mal nachfragen.“ Abends treffe ich einen guten Bekannten auf ein Bierchen. Zufällig kennt er den Autohändler und steckt mir folgende Information „Wenn er Dir sagt, Du sollst zu seinem Partner in der anderen Stadt gehen, dann heißt dass, dass er Dir nicht zutraut, dass Du Dir den Wagen auch leisten kannst. Das Auto kannste knicken. Mit dem Budget ist vermutlich nur ein Zehntelwagen möglich.“
Würde man sich in so einem Fall nicht fragen, wie es sein kann, dass man klar fragt: „Welches Auto bekomme ich für das Geld?“ eine Antwort durch die Blume bekommt, ohne dass man die Chance hat, ohne weitere Hintergrundinformationen das Messer in der Blume zu erkennen?“ So war es nicht, aber sowas Ähnliches habe ich kürzlich erlebt. Und nun wirklich nicht zum ersten Mal. Ich kann mir nur erklären, dass jemand, der eine klare Frage bekommt, diesen Wunsch nach einer klaren, ehrlichen Antwort nicht ernst nehmen kann und darum diesem Wunsche auch nicht entspricht. Vielleicht weil er selbst ein Problem damit hätte, auf einen Zehntelwagen heruntergeschraubt zu werden? Vielleicht weil eine versteckte Verurteilung dahinter steht, die man nicht offenbaren will? Vielleicht weil er im Leben die Erfahrung gemacht hat, dass man sich mit Ehrlichkeit nicht immer beliebt macht?

Ehrliche Kommunikation ist nicht einfach so möglich. Das ist eine Realität, mit der ich mich nur schwer bis gar nicht abfinden kann. Denn in allem anderen sehe ich keinen Sinn. An allen Ecken und Enden wird uns gesagt, dass es gesund und sinnvoll ist, authentisch zu sein, Persönlichkeit zu zeigen, zu sich zu stehen, anderen die eigene Wahrheit zuzumuten. Und ich bin davon auch zutiefst überzeugt. Und ja, ich kenne so einige Menschen, bei denen ist das tatsächlich möglich. Es gibt Menschen, die das ernst meinen, wenn sie es sagen. Aber sie sind wirklich, wirklich selten. Das gesellschaftliche Protokoll scheint etwas anderes vorzugeben. Man hat sich gefälligst gefällig zu verhalten. Man darf auf keinen Fall riskieren, einem anderen ’schlechte Gefühle zu machen‘. Von Eigenverantwortung keine Spur!

Niemand kann doch einem anderen Menschen schlechte Gefühle machen! Gefühle sind Teil des persönlichen Erlebens, sie entstehen auf Grundlage von Gedanken. Gedanken können Reaktionen auf Gesagtes oder wiederum Erlebtes sein, aber es liegt doch nicht beim Gegenüber, welche Gedanken auf Gesagtes oder Getanes auftauchen! Wenn ich mich als Mensch dafür verantwortlich mache, wie andere auf meine Worte oder meine Taten reagieren, dann kann ich in der Tat nur noch umherschleichen und an jeder Ecke eine Katastrophe erwarten. Dann ist tatsächlich jedes Gespräch ein Minenfeld. Dann kann man nur auf Zehenspitzen da durch gehen und hoffe, dass man nicht zufällig auf eine Mine drauf tritt und das Ganze Gebilde in die Luft fliegt. Von Natürlichkeit und Authentizität kann man so ja wohl nicht mehr reden, oder? Und genauso erlebe ich viele Menschen. Sorgsam umeinander schleichend, um bloß nichts vermeintliche Negatives herauf zu beschwören. Noch nicht mal da, wo es aus rein professioneller Sicht wirklich nötig wäre! Es könnte ja an ihnen hängen bleiben und ihrem Ansehen als Person schaden. Hey, don’t shoot the messenger!

Kann das wirklich der Punkt sein? Und ist das nicht sogar ein Ausbund an Egoismus? Mal ganz im Ernst: worum geht es denn dann? Heißt das nicht, dass ich ständig Angst habe, als derjenige gesehen zu werden, der ’schlechte Gefühle bei anderen macht‘? Ich hatte auch in meinem Leben ‚Freunde‘, die mir nach dem Mund geredet haben. Wenn ich sie dann darauf ansprach, warum sie mir ihre Kritik nicht äußern, zuckten sie die Achseln und ich bekam Antworten, die ganz klar darauf schließen ließen, dass es ihnen zu stressig war und es ja auch nicht ihre Sache sei. Das ist vielleicht dann ne nette Bekanntschaft, aber Freundschaft sieht für mich anders aus.

Ja klar, reagieren wir nicht hoch erfreut, wenn jemand uns eine Meinung, eine Einschätzung mitteilt, die sich von unseren Wünschen oder Konzepten unterscheidet. Und ja, es braucht manchmal, bis die Message wirklich angekommen ist. Und ja, mit Widerstand ist zu rechnen. Mit Sicherheit! Alles andere wäre nicht Menschlich – auch wenn einige Vertreter der spirituellen Flachlandszene, ebenso wie diejenigen aus der Kommunikationsprofi-Szene – vorgeben, jede Kritik ideal-sachlich anzunehmen. Bullshit, sorry, aber das ist und bleibt Bullshit. Kritik tut weh, denn sie ist ein Realitätscheck. Sie ist nicht immer konstruktiv, sie ist nicht immer ideal ausgedrückt, sie ist auch nicht immer wertvoll oder richtig. Eines ist sie immer: schmerzhaft. Egal, wie sehr man sich bemüht, so zu tun, als wäre das nicht so! Auch hier mangelt es an Ehrlichkeit, man muss vorgeben, ‚über den Dingen zu stehen‘ oder ‚professionell‘ zu sein oder ’schon weiter‘. Die Realität ist häufig eine andere…
Wenn mir ein Mensch wichtig ist, dann ist mir das schnurzepiep- und scheißegal, ob es stressig wird! Und ja, ich riskiere auch einen Streit. Mit den richtigen Menschen kann ich grundsätzlich darauf vertrauen, dass der Streit auch wieder beigelegt ist,wenn die Emotionen nachlassen und der Verstand früher oder später wieder mitspielt. Denn sowohl sie als auch ich wissen: Kritik ist ein Angebot. Kritik ist kein Angriff. Und der Widerstand gegen die Kritik im Übrigen auch nicht. Kritik heißt nichts weiter als, schau mal bitte aus meiner Perspektive darauf, nutze doch mal das Fernglas mit meinen 0,003% Wahrnehmung und schau, ob es dann noch dem entspricht, was du möchtest. Wenn ja, super! Wenn nein, auch okay, aber dann weißt du vielleicht, was noch zu verbessern wäre. Wenn Du entscheidest, das zu tun, toll! Wenn nicht, auch gut. Ich gebe Dir eine Information, was Du damit machst, liegt ganz in Deiner Hand. Es geht nicht um Recht haben. Es geht ums Teilen von Informationen, um das Bestmögliche zu erreichen. Ich würde niemals einem Menschen, der mir wichtig ist, eine Chance zu Wachsen vorenthalten. Was nicht heißt, dass ich irgendwas besser weiß, als sie, sondern nur, dass ich eine andere Sicht habe, die Erkenntnisse bringt, die den anderen interessieren könnte. Jeder gute Betrieb arbeitet hart daran, Kritik zu bekommen, weil nur so Entwicklung möglich ist. Und, angesichts dessen, wie die ganze Natur aufgebaut ist, sieht es schwer danach aus, als wäre Entwicklung etwas ur-Menschliches! Und ich wünsche mir auch, dass auch mir solche Chancen nicht vorenthalten werden. Aber, wie gesagt, es ist höchst selten. Auch, wenn so ziemlich alle in sämtlichen Profilen, die man im Internet so ausfüllen kann, schreiben, sie wären ehrlich. Nein, sorry. Das stimmt nicht. Wenn 1% da draußen wirklich ehrlich ist, authentisch, zu sich steht und seine Persönlichkeit nicht kompromittiert, dann ist das schon sehr viel. Und ich bin für jeden dieser Menschen unendlich dankbar. Wenigstens schickt Ihr mich nicht zum Partner in die nächste Stadt! Ihr verkauft mir einfach den Wagen, den ich mir auch leisten kann. Haben damit nicht alle gewonnen?

10 Gedanken zu “Etwas womit man in Deutschland nicht umgehen kann…

  1. Guten Morgen, 🙂
    ich sehe das ein wenig an anders als Du. Absolute offene Ehrlichkeit ist nicht so erstrebenswert, wie es vielleicht scheinen mag. Ich will nicht alles direkt und ungefiltert vor den Latz geknallt kriegen und will dies auch nicth bei anderen so handhaben. Klar, Ehrlichkeit und Kritik sind etwas feines und jeder kann (könnte) daran wachsen. Wenn ich mir das Szenario aber durchspiele, in dem jeder jedem immer absolut ehrlich (direkt und offen, ohne etwas zurückzuhalten?) begegnet, sehe ich da keine so sehr schönen Bilder. Mir geht da auch das Wort „Spießrutenlauf“ durch den Kopf. Das was Du als „schmerzhaft“ bezeichnest sind meistens Verletzungen. Ich sehe im Gegensatz zu Dir auch nicht, das alle Menschen so unehrlich und kompliziert kommunizieren. Häufig wünschte ich, sie würden es tun! Denn was da an zwischenmenschlichen, empathischen und kommunikativen Fähigkeiten offenbart wird, kann ich in vielen Fällen nur als Trauerspiel bezeichnen. Und da werden sie dann zugefügt, diese Verletzungen und die sind nicht immer konstruktiv, sondern das Gegenteil: destruktiv. Jede Minute, jeden Tag. Ich würde mir also in vielen Fällen eher mehr Zurückhaltung und Bedachtheit wünschen. Bloß weil ich in einem bestimmten Moment zu etwas eine bestimmte Haltung oder einen Gedankengang habe, muss der nicht Gold wert sein. Ich muss ihn auch nicht jedem aufdrücken. Oft tut sich nur kurz später auch für mcih schon ein ganz anderer Blickwinkel auf (klar, sehr oft, durch offene, ehrliche Kommunikation, manchmal aber auch durch beobachten, zuhören oder nachdenken). Wie Du ja sagst, wir nehmen nur einen lächerlich kleinen Teil unserer Lebenswelt wahr. Wer bin ich also, daraus ständig Schlüsse zu ziehen, die ich anderen „um die Ohren haue“?
    Schlussendlich sehe ich auch den Bedarf an mehr Ehrlichkeit. aber eher als ein Langzeitziel, dass mit anderen Fähigkeiten wachsen muss. Der Bedarf an Empathie, Kommunikationsfähigkeiten, positivem aufeinander zugehen, Zurückhaltung,entwickeln eines gesunden Ego, maßvoller Umgang miteinander, zur Not auch Höflichkeit und noch einigem mehr, ist meiner Meinung nach mindestens genauso hoch wie der an absoluter Ehrlichkeit.
    Mehr Kommunikation, die über Oberflächlichen hinaus geht, da hingegen bin ich sofort dabei. 🙂 (Aber auch hier mit der einschränkenden Frage: Wieviel Tiefgang und Bedeutungsschwere erträgt der Mensch pro Tag?) ;-D
    Liebe Grüße aus dem Pott,
    Jo

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    1. Sehr schön, Dein Kommentar. Danke dafür. Ich glaube, Dein Kommentar tut genau das, was ich mir wünsche. Er vertritt seine Meinung. Es geht ja nicht darum, alles, was man denkt für Gold zu halten (das habe ich auch betont, dass es nicht um Rechthaben geht, sondern um das Zusammensetzen der Informationen aus verschiedenen Blickwinkeln, um dann neue Informationen zu erhalten). Es geht auch nicht um alles und jeden. Es geht um Situationen, wo ausdrücklich nach einer Meinung gefragt wird, diese aber nicht mitgeteitl wird, maximal hinten rum oder durch die Blume, eben. Es geht also um bestimmte Beziehungen, wo die Meinung des anderen Sinn macht, einfach, um das eigene Bild zu ergänzen.
      Was Du meinst, mit den Verletzungen, das ist genau das, was ich meine: ich werde nie genau wissen, womit ich einen anderen Menschen verletze. Denn das, was Dich verletzt, lässt den nächsten kalt und umgekehrt. Denn diese Wunden, diese Triggerpunkte, sind nicht allgemeingültig. Mich verletzt es, wenn mir jemand seine ehrliche Ansicht nicht sagt. Dich verletzt es, wenn er es tut. Woher will man jetzt also wissen, was den nächsten triggert? Dieses Maneuvrieren um die Triggerpunkte anderer kann deshalb nicht funktionieren, weil sie aus der individuellen Biographie entstehen. Meist wissen wir ja selbst nicht, wieso wir auf dieses total abgehen, aber auf das Nächste nicht. Meine Verletzungen sind Teil meiner Eigenverantwortung und damit nichts, womit sich ein andere beschäftigen muss. Wenn ich ihm wichtig bin, bleibt er bei mir, wenn er mich triggert, und steht das mit mir durch. Danach habe ich wieder was über mich gelernt….
      Aber siehst Du, genau das wollte ich: ist doch gar nicht wichtig, ob wir beide dasselbe sagen. Hauptsache wir tauschen uns aus und so werden aus 0,003% schon mal 0,006%. Glatte Steigerung um 100%. Wenn das mal nichts ist 😀 Danke Dir!

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      1. Im Kern geht es und um das selbe. Genau dieser Austausch ist förderlich. Um Triggerpunkte geht es mir eigentlich weniger. Die kann man natürlich nicht bei jedem kennen. Mich verletzt auch die Offenheit anderer nicht. Es geht um die Inhalte, die allzu oft sehr dazu geeignet sind. (Auch da spreche ich grundsätzlich, nicht speziell von mir.) Und ja, da hat jeder eine eigene Verantwortung, zumal der Empfänger die Botschaft bestimmt. Das entbindet aber den Absender nicht vom Überprüfen seiner Sendungen. Der Botschafter muss nicht alles einfach so einstecken können.
        Allerdings reden wir hier sehr über die verbale Kommunikation. Die macht nur einen sehr kleinen Teil der Gesamtkommunikation und des Miteinanders aus. Das weitaus größte Teil läuft auf der nonverbalen Ebene. Da sehe ich ein noch viel größeres Brachland an bewusstem Umgang mit Kommunikation. In dem Moment, wo auf den nonverbalen Ebenen alles konträr läuft, sind die verbalen Inhalte fast schon wieder egal. 😄 In diesem Punkt sehe ich unsere Zivilisationsdecke als so dünn an, dass der Weg, kommunikativ in die Steinzeit zurück zu verfallen, nicht besonders lang ist. (Den Umgang mit eigener Emotionalität und allem was daran hängt lasse ich mal außen vor, um das hier nicht ausufern zu lassen^^)
        Das Internet, mit seiner Chance auf rein sachlichen Austausch, frei von nonverbalen (sogar jedweden untextlichen) Botschaften, wird diesbezüglich auch zunehmend weniger genutzt. Im Gegenteil, es wird mehr und mehr zum Schlachtfeld der kommunikativen Missstände, um es sehr positiv auszudrücken.^^
        Darum schätze ich Austausch wie diesen und Deinen Artikel, der ihn anregt. Haben wir jetzt schon 0,012%, weil jeder von und 2x einen Beitrag geleistet hat…? ;-D

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      2. Ha! Das wäre schön, wenn es so ginge, was? Dann müssten wir einfach nur so oft was beitragen, bis wir bei 100% sind 😀
        So kann es eben auch gehen und das finde ich schön! Ich muss nur gerade feststellen, dass ich gestern einen sehr harten Tag und eine harte Nacht hatte und jetzt nicht mehr wirklich denkfähig bin. Darum endet hier für heute mein Input zu diesem Thema. Kann nicht mehr. Gute Nacht 😉

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  2. liebe melanie, damit hast du sehr recht. gesellschaftliche codes sind etwas höchst kompliziertes, die unser leben vereinfachen sollen, oft aber genau das gegenteil tun. ich will mich hier nicht ausnehmen. ich lasse mich nur selten dazu hinreißen, mich ehrlich auf eine konfrontation einzulassen – aber ich tue es dann, wenn ich der meinung bin, dass mein gegenüber das eines tages wertschätzen kann. sicherlich habe ich nicht immer recht mit meiner vorangehenden einschätzung, aber auch selber hat man oft zu wenig energie, den „schwierigen“ (wenn auch mitunter möglicherweise richtigen) weg zu gehen.

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