Wie die Medien den Schulz-Effekt verhinderten

Vorneweg: Ich bin nicht ausgeprägt politisch. Ich gehöre keiner Partei an. Ich gehöre zu jenen, die sich vor jeder Wahl entsprechend der aktuellen Situation entscheiden. Wenn ich irgendwo einzuordnen bin, dann in Richtung mitte-links. Ich unterstütze auf jeden Fall das Grundeinkommen, aber das nur am Rande.

Ich bin allerdings sehr wach, wenn es darum geht, WIE die Medien Inhalte transportieren. Worte manipulieren, das weiß jeder. Es gab sogar mal die Behauptung, dass Sprache an sich nur den einzigen Zweck der Manipulation hat. Ein Satz, den ich jahrelang immer wieder in meinem Kopf rumgeistern habe und der mich immer wieder nachfragen lässt. Und mir ist da etwas aufgefallen. Als Martin Schulz offiziell zum Kanzler-Kandidat bestellt wurde, war die SPD in Feierlaune. Also so richtig. Ich persönilch fand das gut. Ich habe von Martin Schulz nur eines mitbekommen: dass er unbequem ist und sich durchzusetzen weiß. Im Gegensatz zu Angela Merkel, die mir eigentlich immer vorkommt, wie ein Fähnchen im Wind (was allerdings in so schwierigen außenpolitischen Situationen, wie wir sie derzeit haben, wirklich wertvoll ist). Aber ich mag Menschen, die klare Kante zeigen. Und darum fand ich es gut. Umso erstaunter war ich über die Berichterstattung in den Medien. Und, wie wir alle wissen: diese entscheidet mehr über die Wahlen als die Kandidaten, ihr Programme und ihre Aussagen selbst.

Die Medien standen sofort auf der Spaßbremse. Ich meine das ernster, als es klingen mag. Als ich zur Schule ging, wurde mir im Deutschunterricht mal beigebracht, dass Journalisten, außer in bestimmten Textformen, neutral zu sein haben. Ein Kommentar, beispielsweise, ist das Einordnen in eine subjektive Wahrnehmung – man gibt seinen Senf dazu. Aber die Nachrichten hätten neutral zu bleiben. Frage: wird das heute noch gelehrt? Wenn ja, wie kann das Streuen von Zweifeln damit übereinander gebracht werden. Jede Berichterstattung, die ich nach der Ernennung von Schulz zum Kanzlerkandidaten gesehen oder gehört habe, endete mit der Frage: ‚ob sich dieser Hype auszahlt, sei dahin gestellt.‘ oder ‚es wird sich zeigen, wie schnell sich die Begeisterung legt‘. Ist das wirklich Aufgabe eines Nachrichtensprechers? Das hat für mich nichts mit neutraler Berichterstattung zu tun. Diese hätte lauten müssen: ‚die SPD freut sich über die Ernennung ihres Kanzler-Kandidaten‘ oder ‚die Partei ist beflügelt vom anfänglichen Erfolg des neuen Kanzler-Kandidaten‘ oder so ähnlich. Beschreibung. Hinterfragung gehört an andere Stellen.

Was nicht heißen soll, dass ich was gegen die Hinterfragung hätte! Sie gehört nur an ihren richtigen Platz. Beispielsweise in einen Kommentar. Und dass die sparsam eingesetzt werden, hat vielleicht auch seine Gründe… Der Punkt ist der: wenn der Nachrichtensprecher mit Worten den Zuschauer bzw. Zuhörer, in wessen Auftrag oder Interesse auch immer, in eine gewisse Richtung lenkt, dann ist sie nicht mehr neutral. In diesem Fall ist das recht einfach zu verstehen. Mit dem Hinweis ‚werden wir mal sehen, wie lange das noch gut geht‘ – und in diese Richtung gingen diese Bemerkungen am Ende der Berichterstattung – geschieht im Gehirn des Zuschauers sofort folgendes: es wird im Grunde hypnotisiert. Das passiert alltäglich. Mittlerweile kennen wir alle das Beispiel des ‚Rosa Elefanten‘. Wenn uns jemand sagt, wir mögen jetzt auf keinen Fall an einen Rosa Elefanten denken, was geschieht dann? Klar, wir sehen eine rosa Elefanten vor unserem inneren Auge. Denn das Gehirn kennt das Wörtchen ’nicht‘ nicht. Zumindest nicht hier. Es ist auf das Objekt fokussiert. Wenn nun ein Nachrichtensprecher sagt ’schauen wir mal, wie lange das noch gut geht‘ (oder so ähnlich), dann wird die Zuhörer- bzw. Zuschauerschaft darauf ‚geeicht‘, nach Anzeichen Ausschau zu halten, dass der ‚Hype‘ nichts weiter als ein ‚Strohfeuer‘ ist und alles nur ‚Schöner Schein‘ war. Es führt außerdem zu einer Überbewertung solcher Anzeichen und so kann die öffentliche Wahrnehmung letzten Endes Erfolg verhindern. Im Keim. Auch hier gilt: der Fokus zählt. Der Fokus der Medienberichterstattung nach der Ernennung von Martin Schulz zum Kanzler war, wie ich fand, sehr negativ und klar darauf ausgerichtet, gar nicht erst zuzulassen, dass dem auch tatsächlich bewertbare Taten folgen konnten. Ich will keine Verschwörungstheorien bemühen oder vertreten, aber das lässt mich schon nachdenklich zurück. Ich will nicht sagen, dass der Martin Schulz oder die SPD mit einer neutraleren Berichterstattung auf jeden Fall erfolgreicher gewesen wären. Aber ich will sagen, dass wir es nun nie wissen werden, ob es wirklich nur ein Hype mit nichts dahinter war, oder ob da nicht noch was anderes gewesen wäre. Der vorschnellen Verurteilung durch die Medien (so wie ich sie erlebt habe) sei Dank…

Warum ist es so wichtig, dass die Berichterstattung neutral bleibt, könnte man sich ja fragen. Ganz einfach, damit die Menschen sich ihre Meinung dazu selbst bilden können. Wir sind tagtäglich hypnotisiert – von unseren Freunden, unserer Familie, der Werbung und sogar durch unsere eigenen Gedanken. Es gibt also schon ausreichend Mechanismen, welche die eigene Meinung steuern, ohne dass wir es merken würden. Doch die Berichterstattung muss sich davon ausnehmen, eben weil wir ansonsten nicht in einer Demokratie leben würden.

Aber, damit wir auch weiter in einer Demokratie leben, ist Bildung essentiell. Meiner Meinung nach gehört dazu auch, dass man in der Lage ist, zu erkennen, wann man, beispielsweise durch den Nachrichtensprecher, hypnotisiert wird. Denn nur dann kann man selbst entscheiden, ob man dem folgen will, oder nicht.
Ich möchte mich nicht auf die Medienschelte einlassen, denn die Medien sind wichtig. Die Journalisten machen wertvolle Arbeit, und sofern sie es schaffen, gleichmäßig zu gewichten und so neutral wie möglich zu bleiben, sind sie vielleicht auch die wichtigsten Verteidiger der Demokratie. Aber das klappt eben nicht immer und wir als Informationskonsumenten haben auch einen Beitrag dazu zu leisten. Wir müssen eigenverantwortlich sein in der Frage, welche Informationen wir konsumieren und aber auch WIE wir sie konsumieren. Nehmen wir alles fraglos hin oder sind wir in der Lage, selbst zu hinterfragen? Lassen wir uns vom Nachrichtensprecher berieseln und halten das, was er da sagt, ausnahmeslos für wahr? Oder haben wir unseren Kopf noch eingeschaltet und überlegen selbst?

3 Gedanken zu “Wie die Medien den Schulz-Effekt verhinderten

  1. achso… ob das im Fall Schulz jetzt besonders so war, kann ich nicht beurteilen. Mir kam es auch recht übertrieben vor. Habe auch mehrfach den Vergleich mit Steinbrück gehört, wo der Hype ja auch zu früh eingesetzt und dadurch verpufft wäre. Mag man beurteilen wie man will, aber ich habe mich shcon gefragt, was das soll. Wie Du sagst, in einem Kommentar: meinetwegen. Vom Nachrichtensprecher oder einem eigentlich neutral zu haltenden Bericht hat es nicht unbedingt was zu suchen. Natürlich wird sowas immer als Frage formuliert. Dadurch ist es dann ja keine formal keine Meinung.^^

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    1. Also mir ist es ziemlich aufgestoßen. Und jetzt wieder, wo alle fast schon schadenfroh über die Wahlniederlagen der SPD berichten. Das ist kein neutraler Journalismus, wie wir ihn bräuchten. Ich plädiere wirklich dafür, dass wir gut hinhören. Gerade so etwas, was Du da andeutest, als Frage formuliert, kann eine ziemlich manipulierende Wirkung haben. Das ist eine Technik, die auch in Coaching und Therapie eingesetzt wird, um den Menschen, mit dem man es zu tun hat, zu öffnen. Sehr gut und sehr wirksam, weil es ja darum geht, wieder Möglichkeiten zuzulassen, um die eigene Wahrheit zu finden. Geht aber auch anders rum. Mit Fragen kann man Menschen auch leiten. Und eben ganz unscheinbar, denn es sind ja nur Fragen…

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  2. Ich sehe diese Tendenz ebenfalls. In den neunzigern mit dem groß werden der Werbesender gab es einen Sprung in die Richtung (nach meiner Wahrnehmung). Seit die althergebrachten Medien mit den Onlinemedien konkurieren, scheint ebenfalls die Qualität zu sinken. Generell scheint mehr Meinung und reißerischere Schlagzeilen das Mittel der Wahl zu sein, um sinkenden Auflagen und Quoten entgegen zu wirken. Meiner Meinung nach geht der Schuss nach hinten los. Es heizt Stimmungen an und forciert Meinungsmache. Ich bin gespannt, ob und wann es eine Trendwende diesbezüglich gibt.

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