Heiliger Kampf?

Ich nenne hier jetzt keine Namen, aber es gibt da etwas, was mir echt Bauchschmerzen bereitet. Kürzlich rief eine prominente Frau ihren prominenten Mann auf, in den heiligen Kampf zu ziehen. Ja, den Kampf für Leben und für Menschen, denn er sei das Licht und er solle aufwachen und sich erinnern, das sei seine Bestimmung. Von diesem Mann gab es in nicht allzu ferner Vergangenheit ein Foto, das ihn inszenierte, wie einen Jesus. Ziemlich subtil, aber die Attribute waren da.

Die Frau wurde scheinbar mehrfach darauf hingewiesen, dass die Sache mit dem ‚Heiligen Kampf‘ eher schwierig ist. Daraufhin veröffentlichte sie einen Post, der all die guten Gründe aufzählte, wofür es sich zu kämpfen lohne. Es ging um Frauen, es ging um das Leid der Frauen und das ist riesig auf dieser Welt. Gerade gestern habe ich die Dokumentation ‚Kinder des Terror‘ gesehen, die davon handelte, wie Frauen über Jahre in den Busch verschleppt wurden, dort verheiratet wurden und fortan Kinder zu gebären hatten, die dann in einen ebenfalls heiligen Krieg zu ziehen hätten.

Jeder, ausnahmslos jeder, der einen heiligen Kampf oder Krieg anführt, hat dazu für die Gruppe, die ihm folgt, gute Gründe. Die einen wollen sich aus der Unterdrückung befreien – und werden durch den Kampf selbst zu Unterdrückern. Die anderen kämpfen gegen die Ungleicheit auf der Welt – und erheben sich damit über die anderen und erreichen auch keine Gleichheit damit. Und dann kommen eben die, die gegen das Leid in der Welt vorgehen wollen. Jeder dieser Kämpfer hat in seinen Augen ‚Recht‘. Jeder dieser Kämpfer glaubt, es gäbe nur eine Wahrheit, nämlich seine. Der religiöse Fanatiker ebenso wie der machthungrige Kriegsherr, ebenso wie die Idealisten, die letzten Endes mit den gleichen Waffen kämpfen. Jemand, der zu einem heiligen Kampf aufruft, wird immer – immer! – Nachfolger finden. Denn jedes Feld auf dieser Welt wünscht sich, stärker, größer, mächtiger zu sein. Egal, wie ‚gut‘ oder ‚böse‘ es zu sein scheint. Alles möchte wachsen und der Welt zeigen, wie es geht.

Es geht nicht um die Gründe, sondern um die Mittel der Wahl. Ein heiliger Kampf oder Krieg wird niemals mehr oder weniger Frieden hervorrufen. Ein Kampf für Frieden ist in meinen Augen so absurd, wie es überhaupt nur geht!

Ich weiß nicht, wer von den Lesern hier jemals den ‚Kurs im Wundern‚ gemacht hat. Kann ich nur empfehlen, denn durch den Kurs wird einem etwas sehr klar: es gibt keine Wahrheit. Derjenige der Frieden und ein gutes Leben für alle will spricht uns mehr an und kann uns eher überzeugen, mitzuziehen, weil es positiv ist. Das gilt zumindest im besser gestellten Teil dieser Erde. Überwiegend. In Amerika ja derzeit auch nicht. Aber das heißt noch nicht, dass Frieden und ein gutes Leben mehr Wahrheit wäre, als Leid und ein ungutes Leben. Nun hab ich leicht Reden, denn ich gehöre zu der unglaublich privilegierten Gruppe von Menschen, die in relativer Sicherheit und in relativem Wohlstand leben darf. Und klar: ich wünsche das jedem Menschen auf dieser Welt. Aber es ist nicht Wahrheit! Meine Wahrheit, ja. Aber nicht DIE Wahrheit. DIE Wahrheit kennen wir nicht. Wir wissen nicht, wer hier mit welchem Ziel angetreten ist. Wem was bestimmt ist. Ja, ich wünsche jedem Menschen, der Krebs hat, dass er gesund wird und es gibt Wege und Möglichkeiten. Trotzdem sterben Menschen daran. Wer bin ich, dass ich sagen darf: der hätte nicht sterben dürfen? Die Menschen um den Toten herum tragen diese Wahrheit als ihre Wahrheit mit sich. Aber ist es DIE Wahrheit? Das wissen wir nicht!

In meiner TT-Ausbildung durfte ich einen unglaublichen Prozess bezeugen. Auch hier nenne ich keine Namen. Aber kurz und knapp erzählt: sie war eine der Jüngsten in unserer Ausbildungsgruppe und sie trug die schreckliche Bürde als Kind missbraucht worden zu sein. Eine der schlimmsten Formen von Leid, die wir uns vorstellen können. Diese junge Frau ging durch ihren Prozess – anfangs mit Widerstand, mit Hass, mit Wut in einem sehr ausgeprägten Opferbewusstsein. Nach etwa der Hälfte der Ausbildungszeit drehte sich das und irgendwann kam sie an den Punkt, wo sie dem Menschen, der ihr das angetan hatte, verzeihen konnte. Von dem Moment an blühte sie derart auf, das kann man mit Worten kaum beschreiben. Sie fand neue Türen für ihr Leben, sie entwickelte sich beruflich weiter und wurde außerdem – und das ist wichtig – eine Expertin für dieses Feld. Wann immer ich jemanden hätte, der sich mit einem solchen Thema an mich wenden würde, ich würde ihn oder sie an diese Frau weiterleiten, denn heute kann sie helfen zu heilen. Und genau so etwas sagte gestern in dem Film über die ‚Kinder des Terror‘ die Frau, die sich der Rebellenanführer mit 14 Jahren zur Frau nahm und die ihm drei Kinder im Busch gebar, am Ende. Sie sagte, sie hat ihm längst vergeben. Vergebung war ihre Rettung. Sie hat ein Buch über ihr Leben geschrieben, lebt nun mit einem Mann, der ihr Schicksal teilte, weil er als Kindersoldat ebenfalls in den Fängen dieser Rebellen war. Alle (diese) Frauen und Männer wachsen an ihrem Leid, wenn sie es schaffen, es nicht mehr persönlich zu nehmen. Eine der Frauen sagte das auch sinngemäß. Menschen, die leiden, sind gezwungen, sich ihr Leben zurück zu nehmen (und keine davon hat es mit Waffen getan oder dem Kampf ausgerufen!). Und nicht selten sind es gerade die, die anderen, denen das noch nicht gelungen ist, Vorbild sind und ihnen als solches wiederum die Kraft geben, es selbst auch zu tun. Heute gibt es einen Radiosender, der die Verbindung zwischen der Bevölkerung und den Rebellen herstellt. Der Rebellenführer meldet sich beim Moderator und dankt ihm für die Informationen über sein Kind! Seine geflohene Frau gibt ihm Infos über die Sendung! Ist das Kampf? Das Kind darf aufwachsen und laut sagen: „Zu mir war er immer gut, ich selbst habe ihm nichts vorzuwerfen. Aber andere haben das Recht dazu.“ Geschichten von jungen Menschen, die geflohen sind und nun ein normales Leben führen, dringen so in den Busch und helfen anderen, die Flucht auf sich zu nehmen. So viel Menschlichkeit in so viel Leid! Aber begonnen hat alles mit einem heiligen Krieg – eines Christen, im Übrigen.

Utopie ist toll. Wenn es nach mir ginge, wäre jeder Mensch immer glücklich, hätte immer genug zu essen, gäbe es keine Gewalt auf der Welt, kein Leid. Und ja, natürlich wünsche ich mir das auch. Ich bin schließlich ein Mensch und genauso ‚anfällig‘ für diese Utopien, wie jeder andere auch. Aber ich weiß auch, dass es eine Utopie ist. Und ich habe mich oft gefragt, was ich als einzelner tun kann. Ich habe meine Antworten darauf gefunden. Eine davon ist, dass ich nicht versuche, mein eigenes Bedürfnis nach Heilung auf diese Welt zu projizieren. Wer versucht die Welt zu retten, versucht in Wirklichkeit sich selbst zu retten. Ich freue mich, helfen zu dürfen, wo ich es sinnvoll kann, aber die Welt retten kann man nicht. Sie ist nicht zu retten. Im positivsten Sinne. Sie muss nicht gerettet werden! Sie hat eine Wahrheit, die wir nicht begreifen.

Wir könnten den Weltfrieden haben, jetzt sofort. Ich weiß nicht, ob es der Dalai Lama war, der sagte, wenn jeder Mensch jeden Tag soundsolange meditieren würde – oder es seinen Kindern beibrächte – hätten wir den Weltfrieden innerhalb einer Generation. Das glaube ich. Davon bin ich überzeugt. Denn Meditation dient unter anderem der Annahme dessen, was ist. Auch dessen, was mir nicht gefällt, was mir Leid bringt (tolles Beispiel dafür findet sich in Elizabeth Gilberts ‚Eat Pray Love‚. Ich kann dieses Buch jedem ans Herz legen. Ich habe dadurch meinen Zugang zu Meditation erhalten). Meditation lehrt, bei sich zu bleiben und unter den eigenen Gedanken und Projektionen nicht weiter zu leiden. Also, warum gelingt uns das nicht? Weil das nicht der Punkt auf dieser Welt ist. Es herrscht freier Wille. Und wir werden niemals erleben, dass alle Menschen dieselbe Entscheidung treffen werden. Das ist ein Kampf gegen Windmühlen. Und jeder dieser heiligen Kämpfe wird am Ende mehr Leid bringen. Denn solange wir eine Qualität wie Frieden über eine Qualität wie Krieg stellen (also urteilen). Ich weiß, das ist für viele ein Unding, Krieg nicht zu verurteilen, denn Krieg ist ja etwas Schlimmes. Ja, ist es (weshalb es krass ist, dass gerade die ach so erleuchteten Menschen dazu aufrufen!), aber das ist ein menschliches Urteil. Wir kennen aber DIE Wahrheit nicht. Wir empfinden es als schlimm, aber ob das DIE Wahrheit ist, wissen wir nicht. Wir wissen nur, was UNSERE Wahrheit ist. Aber der Punkt ist der: ‚Jede Unterdrückung führt in den Kriegszustand‘. Wenn Frieden sich über Krieg erhebt und versucht, Krieg zu unterdrücken, wird der Krieg dadurch verstärkt, denn nichts und niemand, der oder das unterdrückt wird, nimmt die Unterdrückung einfach hin. Alles hat seine Berechtigung, auch, wenn das schwer anzunehmen ist. Und ich bin persönlich fest davon überzeugt, dass ein Grund, warum unsere Welt in einer derartig beängstigenden Situation ist, WEIL wir alles vermeintlich Schlechte seit Jahrzehnten unterdrücken. Nicht obwohl wir es geschafft haben, besser zu leben, sondern WEIL wir das geschafft haben. In all den Ländern, wo die Rechten jetzt stärker werden, sind es doch immer die Menschen, die das hervorbringen, die sagen: Wir haben Ängste! Wir kommen nicht mehr mit! Hört uns zu! Aber wir tun es nicht, wir unterdrücken es, weil wir sind ja ach so aufgeklärt und so was wie Ängste gehören nicht dazu. Und genau das führt in die Misere.

Es gibt einen wichtigen Satz, den übrigens dieser prominente Mann selbst mal von sich gegeben hat, der gerade zum heiligen Kampf aufgefordert wird: Wenn du die Welt retten willst, rette dich selbst! Das Leid der Welt ist immer nur ein Abbild von dem Leid in uns. Wer das versteht, den interessiert das Leid auf der Welt deshalb nicht weniger, aber er ist nicht mehr gezwungen, es persönlich zu nehmen.

 

5 Gedanken zu “Heiliger Kampf?

  1. das ist ein wirklich spannender text meine liebe. viele gedanken dazu habe ich selbst schon gedacht, manche waren mir ein bisschen neu, dem großteil kann ich mit kopfnicken zustimmen. alle menschen, die behaupten, DIE wahrheit für sich gepachtet zu haben, kann ich nur von grund weg ablehnen, denn davon bin ich ebenfalls überzeugt: DIE wahrheit gibt es nicht, weil es objektivität nicht gibt.

    wir hatten eine diskussion, die einen aspekt davon berücksichtigt, in unserer ethik-vorlesung letztens. dass zb staaten wie china die menschenrechte nicht anerkennen, weil sie sagen, dass diese der westlichen kultur entstammen und dieser individualismus, der für uns so wichtig ist, mit ihrer kultur nicht vereinbar ist. das ist für uns vielleicht unverständlich, aber wer sind wir, ihnen zu sagen, dass es falsch ist? es ist ein thema, das grade durch die globalisierung probleme schafft, mit denen die menschen nicht umgehen können.

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    1. Danke für Deinen Kommentar dazu! Es ist ein großes Thema, und, wie Du mit Deinem Beispiel ja zeigst, unglaublich vielschichtig. Und es wird auf dieser Welt vermutlich nie gelöst werden und vielleicht soll das auch so sein. Wer weiß? Ich denke, vieles von dem, was wir hier sehen, ist nichts weiter als das viele vermeintlich Kleine sich gegen die vermeintlich Großen wehren, die ihnen ihre Wahrheit aufzwingen wollen. Das kann in der Partnerschaft passieren, in der Familie, auf der Arbeit, in der EU oder eben weltweit. Und wenn wir das bekämpfen – also die Wahrheit der anderen – kann nur Krieg dabei heraus kommen…

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