Deutschland politisch…

Wie Ihr wisst, schreibe ich nur selten über politische Themen. Das könnte damit zu tun haben, dass ich mich nicht als sonderlich politischen Menschen sehe. Wobei ich vermute, dass sich das mit zunehmenden Alter immer mehr ändert. Früher habe ich gedacht, dass Politik etwas ist, das weit weg ist und mich gar nicht berührt. Heute weiß ich, das stimmt natürlich gar nicht.

Darum habe ich die letzte Bundestagswahl auch sehr interessiert beobachtet. Und vor allem auch die Reaktionen darauf. Und bevor ich jetzt anfange zu schreiben, was mir gerade sehr wichtig ist, muss ich erst mal voraus schicken: ich habe demokratisch gewählt, nicht extremistisch. Ich habe eine Partei gewählt, von der ich sicher bin, dass wir sie heute mehr denn je brauchen, in einer Zeit, in der Wirtschaftsinteressen höher stehen als das gesundheitliche Wohl der Menschen. Somit stehe ich im Einklang mit 87% dieses Landes, die sich für demokratische Werte entschieden haben.

Überrascht hat es mich nicht, dass die AfD nun Einzug in den Bundestag hält. Und ganz ehrlich? Zwar finde ich es traurig, dass es in diesem Land so weit kommen musste, aber ich glaube, man muss das differenziert betrachten. Mich hat also die Tatsache, dass jetzt eine Partei am extremen rechten Rand im Bundestags sitzt nicht so wahnsinnig geschockt. Es hat sich eben abgezeichnet. Was mich schockt ist, was daraufhin in unserer Gesellschaft passiert. Vor allem gut sichtbar auf Facebook. Jemand schrieb doch tatsächlich (sinngemäß), dass alle, die auf seiner/ihrer Freundesliste stehen und die AfD gewählt haben, bitte die Güte haben mögen (ich hoffe, man kann die Ironie hier erkennen), sich von besagter Freundesliste zu löschen.

Jeder, der so denkt, hat natürlich das Recht dazu. Was sich die meisten aber wohl nicht klar machen ist folgende Tatsache: damit macht man genau das, was die AfD auch tut und was sie auch in der Gesellschaft erreichen will: Mauern bauen und Abgrenzung von Andersdenkenden.

87% haben sich für demokratische Werte entschieden in dieser Wahl. Demokratie heißt auch, Andersdenkende zu akzeptieren und zu respektieren. Demokratie heißt, viele verschiedenen Standpunkte an einen Tisch zu bekommen, ihnen zuzuhören, die verschiedenen Bedürfnisse unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen aufzunehmen und gemeinsam Lösungen zu finden. Gestern habe ich den Satz gehört ‚Wer Kompromisse ablehnt, hat Demokratie nicht verstanden‘. Oder so ähnlich. Dies gilt für die hohe Politik – aber auch für jeden einzelnen von uns. Aber, unter anderem befeuert durch maßgeschneiderte Informationsflüsse in der digitalen Welt, richten wir uns mehr uns mehr in einer Gesellschaft von Gleicheit ein. Umweltschützer bekommen maßgeschneiderte Informationen für Umweltschützer und umgeben sich in erster Linie mit Umweltschützert. Dieser Satz gilt für jede beliebige Gruppe – ob Christ, Muslim, HipHopper, Rocker, Klassiker, Banker, Floristen, Künstler, Handwerker, Gleitschirmflieger, Freizeitparktenthusiasten, Fotografen, Autoren – was auch immer. Wir leben in einer Welt von derart großem Angebot, dass wir keine Kompromisse mehr machen müssen und uns problemlos nur noch mit Gleichdenkenden umgeben können. Das Ergebnis? Ein sehr begrenzter Horizont. Denn hinter diesem Horizont gibt es andere Gruppierungen mit anderem Gedankengut und anderen Bedürfnissen.

In Deutschland wurde scheinbar ein Teil der Gesellschaft – immerhin 13 Prozent – ausgegrenzt. Und das über längere Zeit. Dieser Teil hat sich mit Gewalt Bahn gebrochen und nun dafür gesorgt, dass er gehört wird. Verzweifelte Situationen führen zu verzweifelten Maßnahmen. Wir wissen aus den sehr detaillierten Umfragen, dass die allermeisten Stimmen – immerhin 60% -, die an die AfD gingen, sich nicht mit der AfD identifizieren, aber gesehen haben, dass das offenbar die einzige Möglichkeit ist, die so genannten Volksparteien wach zu rütteln, damit die sehen, dass sie auf dem Holzweg sind. Die Linke als Protestpartei hat ausgedient, denn nichts sorgt für mehr Aufmerksamkeit in Deutschland, als eine rechte Partei im Bundestag. Zu Recht.

Wenn wir aber jetzt anfangen, diejenigen auszugrenzen, die diese Partei gewählt haben, werden wir sie stärken. Denn dann wird die Entgrenzung noch größer, die Mauern höher. Während die Politiker in Berlin nun endlich gezwungen sind, hinzusehen und zuzuhören, was die Menschen von ihnen wollen, und Lösungen zu finden, müssen wir das freiwillig entscheiden. Und ich bete, dass das so viele wie Möglich tun. Toleranz und Weltoffenheit sind demokratische Werte. Diese zu leben bedeutet, auch diejenigen zu respektieren, die gegen unsere eigenen Überzeugungen verstoßen. Es macht viel mehr Sinn, die Menschen zu fragen, warum sie diese Wahl abgegeben haben, was sie dazu getrieben hat. Dialog ist nicht nur politische Pflicht, sondern auch gesellschaftliche. Denn nur so können wir verhindern, dass Menschen in andere Gefilde abdriften, wo sie mit offenen Armen empfangen werden, ihnen das Gefühl gegeben wird, dass sie ernst genommen werden.

Und zu guter Letzt gilt es zu bedenken: Jedes Volk bekommt die Regierung, die es verdient. Der Satz kommt aus zweifelhafter Quelle, aber er stimmt trotzdem für mich. Unsere Regierung ist das Ergebnis dessen, was wir als Volk tun, denken, fühlen, wollen, brauchen. Ich finde, es lohnt sich, darüber nachzudenken. Und dann dem Ausgrenzen und Mauern hochziehen ein Ende zu bereiten. Solange wir das tun, sind wir keinen Deut besser…

2 Gedanken zu “Deutschland politisch…

  1. Chapeau für diesen Blogbeitrag! Ja, auch ich habe mit dem Kopf geschüttelt, wie „man“ die AfD wählen kann. Und ja, ich habe auch begriffen, dass dies ein sehr rabiates Signal an die etablierten demokratischen Parteien sein soll. Ob es das richtige Mittel war, wird sich entscheiden. Ich habe zwar nicht blau gewählt, aber ein Kollege hat sich dazu geoutet. Er hatte sich vorher schon einmal mit mir dazu ausgetauscht, insofern habe ich das einfach nur zur Kenntnis genommen. Die Einträge auf FB habe ich auch gelesen und…. ignoriert.

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    1. Danke für die Blumen. Es war mir einfach ein Bedürfnis. Ich sehe Menschen, die mit mir eine therapeutische Ausbildung gemacht haben, die auf der Annahme der Dinge, wie sie sind, basiert, die öffentlich Beschimpfungen posten, was mich wirklich betrübt. Wir müssen Brücken zueinander bauen bzw. erhalten, nicht Mauern hochziehen. Nur so funktioniert Gesellschaft, meiner Meinung nach.
      Ob das Mittel der Wahl ‚richtig‘ ist, ist mir gar nicht so wichtig. Wir alle haben funktinale und dysfunktionale Muster. Jeder von uns greift täglich auf Strategien zurück, die noch aus frühester Kindheit stammen und nur aufs Überleben aus sind. Nicht andere ist das hier auch. Der Punkt ist: es wirkt endlich. Ist ja nicht so, als ob nicht eine breite Schicht der Gesellschaft versucht hätte, zu den Politikern durchzudringen. Jetzt haben sie ihren Paukenschlag. Und es liegt jetzt an den demokratischen Parteien, die nicht-demokratischen Tendenzen zu entkräften – indem sie endlich ehrlich und transparent werden und wirklich zuhören und ihr Volk ernst nehmen…

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