Ecken und Kanten

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich darüber geschrieben habe, was mich bewegt hat, aus dem Human Trust auszusteigen. Kurz gesagt, haben die Persönlichkeiten hinter der Plattform ihre Glaubwürdigkeit für mich verloren, weil sie – aus meiner Sicht – selbst in die Falle aller Spiritualität gelaufen sind: nämlich alles Positive zu erzwingen und alles Negative zu unterdrücken. Glitzer, Zucker, Feenstaub eben.  Obwohl ich nach wie vor rein inhaltlich von dem Programm überzeugt bin.

Kein Artikel, den ich je geschrieben haben, hat derart viel Resonanz erhalten. Diese Resonanz ist nach außen gar nicht sichtbar, denn sie fand und findet eher verborgen statt. Zwar gibt es den ein oder anderen mutigen Kommentar, der öffentlich sichtbar ist. Aber die meisten Kommentare erreichten mich per Mail. Meistens verbunden mit dem Ausdruck von Dankbarkeit dafür, dass ich diesen Menschen scheinbar aus dem Herzen gesprochen habe. Aber eben auch mit der tiefen Angst, dieses selbst öffentlich zu sagen. Und im übertragenen Sinne Gefahr zu laufen, anzuecken.

Ich freue mich natürlich sehr über die Resonanz zu einem von mir verfassten Artikel und dass ich einen Nerv getroffen habe. Ich bin aber auch traurig darüber, dass diese Dinge in der öffentlich Wahrnehmung scheinbar keinen Platz haben. Dass Menschen, die anders denken als der Mainstream ernsthaft befürchten (müssen), ausgegrenzt zu werden, wenn sie das zum Ausdruck bringen. Dass Menschen, die eben Ecken und Kanten haben (und das sind wir alle), dies unterdrücken müssen, um das Gefühl haben anerkannt zu werden.

Für mich stellt sich aber auch die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Was war erst da? Ich glaube, die Sache hat zwei Seiten. Ja, wir sind zu einer Gesellschaft geworden, in der bestimmte Dinge verpönt werden. Um es mit einem Satz aus dem neuen Marian Keyes-Buch zum Setting einer Beerdigung zu sagen: „…people are expected to show grief but only in a dignified way: some sad smiles, and if there really MUST be tears, they must be discreet and quiet, none of this ugly, heaving, gaspy stuff.“ Was so viel heißt wie: Es wird erwartet, seine Trauer zu zeigen, aber bitte schön auf eine würdige Art und Weise: ein trauriges Lächeln und wenn es wirklich Tränen sein MÜSSEN, dann bitte leise und diskret – aber eben nichts von dieser hässlichen, nach Atem ringenden Heulerei. Ich finde das eine sehr passende Beschreibung für das, was mir tagtäglich begegnet. Es darf alles nur in ganz bestimmten Maßen und Grenzen da sein. Während da draußen viele Menschen, die wirklich Ahnung von Psychologie haben und wirklich das Potenzial haben, uns mit der Handhabung unserer Gehirne, unserer Gefühle, unserer ganzheitlichen Gesundheit und eben unserem Leben ernsthaft zu unterstützen, stellen wir uns als Gesellschaft immer wieder selbst ein Bein, in dem wir uns nicht in die menschlichen Tiefen wagen. Und dann funktionieren die Methoden und Ansätze nicht. Die Wahrheit liegt woanders: Irgendwo haben wir uns verabschiedet von dem, was das Mensch sein ausmacht. Vielleicht, weil der Mensch immer verführbar ist nach dem Schönen und Einfachen zu suchen und dem Schwierigen und Anstrengenden aus dem Weg zu gehen. Vielleicht, weil wir von Generationen erzogen wurden, die einen der grausamsten Kriege der Menschheit erlebt haben und guten Gründe hatten, ihre Emotionen zu verdrängen, weil sie sie nicht handeln konnten. Warum auch immer, es ist Zeit, dass wir verstehen, dass wir, in der Zeit in der wir leben, mit den Herausforderungen denen wir uns gegenüber sehen, uns endlich wieder dem Menschlichem als Ganzes zuwenden und lernen, alles da sein zu lassen, was natürlicherweise da ist – anstatt uns selbst und andere dafür zu verurteilen. Wir leben in einer polaren Welt, wo immer beide Seiten der Medaille zur Realität gehören. Wo Menschen keine perfekt geschliffenen Diamanten sind, sondern individuelle Wesen mit der ganzen verfügbaren Tiefe an Emotionen. Mit Höhen und Tiefen und eben Ecken und Kanten. Es wird wirklich Zeit, dass wir beginnen, diese Ur-Menschlichkeit in jedem von uns wieder zu akzeptieren.

Denn dann braucht sich niemand verstecken weil er Angst vor öffentlicher Schmähung hat, wenn er nicht der perfekte Mensch ist, der scheinbar erwartet wird. Und dann sind wir auch eine viel gesündere Gesellschaft, die es nicht nötig hat, sich derart zu entzweien und in Hass zu bekämpfen, wie wir es derzeit auf so vielen Ebenen erleben. Ich wünsche mir von Herzen, dass der ein oder andere darüber nachdenkt – wie sehr er andere für seine Ecken und Kanten verurteilt, aber auch, wo er oder sie ihre eigenen Ecken und Kanten schon komplett rund geschliffen hat…

3 Gedanken zu “Ecken und Kanten

  1. Also irgendwie liest sich das für mich ganz verdreht. Wieso ist der „human trust“ mainstream, gegen den du dich plötzlich verwehrst ? Du warst ja diejenige, die hier heftig Werbung für diesen Verein gemacht hat. Wenn man sich auch nur ein video von diesen Leuten angesehen hat, wusste man, in welche Richtung das geht und dass es höchstwahrscheinlich eine Abzocke für Menschen ist, die sich nach Spiritualität sehnen. Dass du selbst dann zugegeben hast, was da läuft, ehrt dich, ändert aber nichts an der Ausgangssituation. Ich finde es wirklich irritierend, dass du da nun die Richtung gewechselt hast und wortreich bedauerst, dass sich manche Menschen angeblich nicht trauen, sich öffentlich gegen den von dir propagierten Verein zu äußern.

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    1. Hm, siehst Du, genau das meine ich. Du bringst eine Kritik an und das ist okay. Der Trust – bzw. noch nicht mal der Trust, sondern die Reaktionen auf meinen Artikel – waren nur ein Aufhänger, ein Beispiel für etwas, das ich auf fast allen Ebenen und in fast allen Bereichen erlebe: dass Menschen nicht mehr zu sich und ihren Ansichten, ihren Meinungen oder gar zu ihrem Wissen stehen dürfen, weil sie damit anecken. Du eckst ja auch gerade bei mir an, aber so kann man darüber sprechen und klären, wo die Missverständnisse liegen. Ich sehe ein großes Missverständnis beispielsweise darin, dass Du denkst, ich hätte zugegeben, dass es sich um ‚Abzocke‘ handelt. Ich halte nichts davon für Abzocke. Abzocke heißt für mich, dass fehlerhafte oder nicht funktionierende Produkte als etwas verkauft werden, was sie nicht sind, um damit Geld zu machen. Es gibt sicherlich viele Menschen die sowohl einen Human Trust als auch viele Coaches und andere Plattformen und Kurse aus dem Bereich Persönlichkeitsentwicklung genau so sehen. Und das finde ich wirklich schade, denn die Produkte funktionieren und es sind wirklich gute Tools. Am Ende entscheiden sich Erfolg oder Nicht-Erfolg aber eben nicht beim Produkt und das verstehen viele nicht – und dann ist es Abzocke. Ich habe da auch keine Richtung gewechselt. Wenn Du aufmerksam gelesen hast, dann habe ich immer gesagt, dass ich das, was dort inhaltlich geliefert wird, für sehr wertvoll halte – ich habe lediglich versucht davor zu warnen, sich nicht (wie viele es leider tun) zu viel von den Personen dahinter zu erwarten. Diese werden oft auf einen Sockel gestellt. Dann entsteht ein Kult, der der ganzen Sache eher schadet. Ich bin nicht plötzlich der Meinung, alles wäre schlecht. Ich Gegenteil. Ich habe nur festgestellt, dass Kritik dort nicht erwünscht ist, dass Menschen für Kritik gedisst werden. Das sind aber meiner Meinung nach zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich kann das nicht so schwarz und weiß sehen, wie Du in diesem Fall. Warum ich es sehr schade finde, dass Menschen sich nur trauen, im Verborgenen darüber zu sprechen, liegt nicht daran, dass ich irgendwem was Böses will, sondern daran, dass ich davon überzeugt bin, dass das Gute an all dem bewahrt werden kann, wenn konstruktive Kritik unumwindbar wird. Ich weiß nicht, ob das nachvollziehbar ist. Meine Einstellung dazu basiert eben nicht nur auf einem Video sondern auf ziemlich langer Erfahrung nicht nur mit diesem ‚Verein‘, sondern in der Szene an sich. Ich sehe immer wieder, dass irgendwann Höhenflüge einsetzen – vor denen nun wirklich niemand imun sein kann -, im Verlauf derer dann unliebsame Kritik ausgegrenzt wird, weil sie den Höhenflug stört. Meistens gerät dann alles in Verruf und ich finde, dass muss einfach nicht sein und wenn alle sich ehrlich mit Kritik äußern, dann würden solche Efekte eingedämmt. Das ist mein Wunsch hinter meinen Äußerungen dazu.

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      1. Danke für deine ausführliche Antwort ! Ich denke, du beschreibst den Ablauf so eines Höhenflugs sehr gut. Man muss aber zusätzlich sagen, dass diese Reaktion bekannt ist und mit etwas Geschick relativ leicht herbeigeführt werden kann. Und da beginnt die Verantwortung der ….. Kursanbieter oder Coaches oder wie immer sich die Leute nennen. Sie werden ja nicht gegen ihren Willen und entgegen ihrer Absicht auf ein Podest erhoben. Diese Reaktion ist wohl kalkuliert und das ist auch der Grund weswegen ich von Abzocke spreche.
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        Das Produkt, das angeboten wird, besteht nicht nur aus den allgemeinen Lebensweisheiten (die im übrigen alle auch völlig umsonst anderswo erfahren werden können) sondern aus der „Lichtgestalt“, die diese keineswegs neuen Dinge an die Kunden bringt. Und diese „Lichtgestalten“ und damit auch das ganze Produkt erfüllen nicht, was sie versprechen. Darin sind wir uns wohl einig.
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        Ich kann deine Position sehr gut nachvollziehen. Die angebotenen Gedanken und Verhaltensweisen gefallen mir auch, nur sind sie eben keine Erfindung dieser höchstbezahlten Akteure und werden in einer Weise angeboten, die ich für unethisch halte.
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        Personen und Organisationen, die keine Kritik vertragen und zulassen, finde ich prinzipiell verdächtig. Personen und Organisationen, die von den Schwächen und Sehnsüchten anderer leben und diese – in unterschiedlichem Ausmaß – ausbeuten sind dann nicht mehr verdächtig sondern kriminell. Dazu fällt mir Scientology als extremes Beispiel für diese Art von Ausbeutung ein.
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        Warum Menschen ihre Meinungen nicht sagen, hat ja wahrscheinlich mit einem allgemein verbreiteten Duckmäusertum zu tun, das von den „Heilsbringern“ auch benutzt wird. Wer aus Angst anzuecken Dinge tut und bezahlt, von denen er/sie nicht wirklich überzeugt ist, ist natürlich eine leichte Beute

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