Sabbatical für Arme – ein Fazit

Vor beinahe einem Jahr habe ich mich entschieden, eine Pause zu machen. Ich habe das Ganze ‚Sabbatical für Arme‘ genannt, weil es eben nicht so war, dass ich Geld angehäuft hatte, mit dem ich mir das einfach so mal problemlos hätte leisten können. Nein, ich bin keine von den Geschichten eines Menschen, der sich für Geld jemals wirklich abgerackert hätte. Ich glaube, da habe ich immer eine verhältnismäßig gesunde Grenze gehabt. Geld ist für mich nie alles gewesen.

Dennoch hatte ich mich verrannt. Damals kamen verschiedene Dinge zusammen. Der Verkauf meines Elternhauses, den ich zwar maßgeblich veranlasst habe, aber der natürlich trotzdem keine Kleinigkeit ist. Vor allem dann nicht, wenn die Entscheidung aus der Notwendigkeit geboren wurde, nicht aus komplett freiem Willen. Fettes Mobbing bei meinem letzten Arbeitgeber, wo ich dann auf ein Abstellgleis geparkt wurde, wo man mir tagelang keine Arbeit gab, bis ich so im Arsch war, dass ich von selbst gegangen bin. Nur um dann bei einem neuen Chef zu landen, der seine Leute ausbeutete. Mit Volldampf in die Sackgasse. Warum? Aus Angst. Aus Angst, nicht ausreichend Geld zu verdienen, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Punkt. Nichts weiter. 2016 war das große Jahr der Existenzängste. Nie zuvor war ich derart in Existenzängsten verschnürt, wie in dem Jahr. Wohin es führt, sich von diesen dann leiten zu lassen, habe ich dann noch mal eindrucksvoll erlebt.

Dann habe ich ein Plauderstündchen mit mir selbst gehabt – und festgestellt, dass meine Ängste natürlich Illusionen waren. Ich habe durchgerechnet. Und ja, mir sind die Knie weich geworden, aber es gab keinen anderen Weg mehr. Mein damaliger Chef fing an, komische Dinge von sich zu geben und wollte mich von meinem Posten als Empfangsleiterin zur Sekretärin degradieren. Spätestens da war mir klar, dass sich was ändern musste. Ich schrieb ihn einem Brief, in dem ich ihm mitteilte, dass ich keine Zukunft für eine Zusammenarbeit sehe. Ich gab ihm eine bestimmte Frist, bis zu der er einen Ersatz finden musste. Ich war nicht traurig, als er mich an meinem nächsten freien Tag anrief und kündigte. Fristlos. Zu gestern, im übrigen. Da dem Mann nicht zu erklären war, dass das so nicht geht und er Kündigungsfristen einzuhalten habe (nein, ich darf kündigen wie ich will), habe ich alles Nötige in die Wege geleitet und war frei. Am 6. April begann also mein Sabbatical für Arme. Von dem Tag an war ich arbeitslos, depressiv und ziemlich verwirrt, ratlos und am Boden. Und fest entschlossen, eben nicht mit Volldampf in die nächste Sackgasse zu rennen.

Was ist seither passiert? Unglaublich viel!

Zunächst mal habe ich meinen Chef verklagt. Sowas habe ich noch nie getan, aber ich habe gemerkt, dass es an der Zeit war, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen. Also habe ich mich von der Gewerkschaft (ernsthaft, wer noch nicht in einer Gewerkschaft ist, sollte das schleunigst nachholen!), beraten und letztlich auch vertreten lassen. Ich bin auf die lächerlichen Vergleiche nicht eingegangen. Am Tag der Gerichtsverhandlung war ich unglaublich nervös. Aber ich hatte zwei Freundinnen dabei, wir haben uns einen schönen Tag daraus gemacht. Meine Vision von meinem damaligen Chef, wie er sich selbst in Rage redet und verplappert, ist wahr geworden. Am Ende habe ich mich zwar auf einen Vergleich eingelassen, aber nur, weil die Beweisführung von Überstunden nicht gerade leicht ist – und ich ja ihm das Leben schwer machen wollte, nicht mir. Das hat geklappt. Seither beobachte ich, wie er ein wundervolles Haus komplett herunter wirtschaftet und hoffe, dass es irgendwann an einen Menschen gehen kann, der die Hotellerie liebt und aus dem Rohdiamanten das Potenzial heraus schleifen kann – auch, weil er die nötigen Mittel dazu hat. Das wäre nämlich ein Millionenprojekt.

Die ‚Psychologin‘, die für das massive Mobbing auf meiner vorherigen Arbeitsstelle verantwortlich ist – das viele von uns betroffen hat -, ist aufgeflogen. Nicht, dass das bedeuten würde, dass die Chefs und Teamleiter denjenigen von uns, die sie aufgrund falscher Informationen benachteiligt und zum Teil sogar gekündigt haben, jemals gegenüber treten und Verantwortung übernehmen würden. Das wird nie passieren. Aber durch eine ehemalige Kollegin weiß ich, dass diejenige Person wenigsten nicht mehr für Probleme sorgen kann. Sie hat weiß Gott genug angestellt und am Ende Schutzbefohlene geschädigt. Sie wird niemals zur Rechenschaft gezogen werden, aber wenigsten hier im Umkreis hat sie es dann hoffentlich schwerer, sowas wieder durchzuziehen.

Ich selbst bin sehr unterschiedlich durch die Monate gekommen. Anfangs war ich getrieben. Ich musste doch die Antwort finden und wissen, was ich genau machen wollte. Selbst meine Betreuerin im Arbeitsamt hat mich immer wieder erinnert, dass ich Zeit habe und mir keinen Stress machen soll. Die ersten Monate bin ich innerlich nicht zur Ruhe gekommen. Das Geld war extrem knapp, die Miete zu hoch, und ich innerlich in Aufruhr, aber äußerlich wie gelähmt. Es vergingen Tage und Wochen, die ich nur auf der Couch gesessen und vor mich hin gestarrt habe. Und während ich wusste, dass das der Weg ist zur Klarheit – zur Ruhe kommen, alles einfach da sein lassen und abwarten -, ist es mir nun wirklich nicht leicht gefallen, das zu akzeptieren. Ich habe ständig lamentiert, dass ich nichts zu tun habe – während ich gleichzeitig wochenlang einfach nur hätte schlafen können und wollen.

Viele denken, eine Auszeit ist eine kraftvolle Zeit. Eine Zeit, in der man tolle Sachen erlebt, Reisen unternimmt und all die Dinge tut, die einem Spaß machen. Und ein ganz klassisches Sabbatical ist vielleicht genau das. Ein Jahr unbezahlter Urlaub. Aber wer sich eine Auszeit nimmt um Klarheit und Erkenntnisse zu gewissen, der wird feststellen, dass das nicht viel mit aufregenden Reisen und Fröhlichkeit zu tun hat – sondern damit, mit sich selbst wieder in Verbindung zu kommen, zu verstehen, was wirklich in einem vorgeht. Die Schichten von Ängsten und Konzepten abzustreifen um an die Wahrheit darunter zu kommen. Ich kenne wenige Menschen auf dieser Welt, die sich in diese Tiefen wagen – weil sie ja nun mal auch nicht sonderlich angenehm sind und weil viele auch den Weg dahin nicht kennen oder wüssten, dass sie dabei begleitet werden können. Aber der Lohn – und er ist nur so zu erreichen – sind wunderbare Zustände wie Klarheit, innerer Frieden und sogar Selbstliebe.

Bis zum Herbst war mein Leben auf Pause. Einzige Ausnahme, der Trip nach Schottland. Als wir aufbrachen wusste ich, dass auf dieser Reise irgendwas geschehen würde, was die Weichen für die Zukunft stellen würde, aber ich wusste nicht was. Ich kann es bis heute auch nicht wirklich benennen, aber in Schottland ist etwas ganz tief in mir angesprungen oder aufgegangen. Ich weiß nicht, ob es diese unendlich tiefe Liebe zu dieser einmaligen Landschaft ist oder ob es Momente waren wie die Entdeckung von Ian Lawson, dessen Fotografien mich zu Tränen rührten, oder einfach nur das freie Reisen durch ein unglaubliches Land. Ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht kann ich das in ein paar Jahren mal benennen. Ich weiß nur, dass es passiert ist. Aber scheinbar war es noch nicht so weit, also zog ich mir erst mal einen Bänderriss zu, der mich dann noch mal ein paar Wochen auf die Couch zwang.

Danach ging es los. Nicht nur aber vor allem in der Zeit von Oktober bis Dezember ging es ums Säen. Und in der Zwischenzeit war mir auch endlich klar, was ich säen wollte. Ich hatte mittlerweile verstanden dass der Gesundheits- und Sozialbereich nicht für mich sind. Obwohl ich das zuvor weit von mir gewiesen hätte, waren die Coaching-Ausbildungen in erster Linie für mich, für meine eigene Heilung. Was übrigens in den meisten Fällen so ist, was ich aber so nicht wahrhaben wollte. Große Organisationen wie mein vorheriger Arbeitgeber mit ihren festgefahrenen Strukturen, der täglichen Lästerstunde zur Mittagszeit, in der jeder zerrissen wurde, ihren politischen Strukturen und machthungrigen Chefs, die selbst vor kleinen Angestellten Schiss haben, mit ihrer hochgelobten Diplomatie (die einfach nur politische Verlogenheit ist) – das ist nicht der Bereich, in dem ich mein Leben verbringen will. Meine Werte sind andere. Ganz andere.

Und wo finde ich diese Werte? An einem Ort, der ganz zufällig in mein Leben gekommen ist und der es geschafft hat, einen Funken in mir wieder aufflammen zu lassen. Es war eine lange und auch schwierige Reise, aber ich weiß jetzt, wohin ich gehöre. Zumindest beruflich. Privat ist dann die nächste Herausforderung 😉

In der Zwischenzeit habe ich das, was ich gesucht habe: einen Job in Teilzeit, mit Möglichkeit zu zusätzlichen Projektarbeiten. Und ich bin mir selbst näher als je zuvor. Das gilt es jetzt erst mal zu leben und zu festigen und dann schauen wir mal, welche anderen Herausforderungen auf mich warten. Da werden noch genug kommen.

Was ich mit alle dem sagen will: es lohnt sich. Nichts ist auf dieser Erde und in diesem Leben so wertvoll wie Gesundheit und Zeit. Wo eines oder beides fehlt, sollte man handeln. Für alles andere ist dieses Leben zu kurz. Es ist zu kurz, um einfach nur schlafend über die Erde zu wandeln und sich hin- und her treiben zu lassen, den falschen Zielen hinterher irrend (Ziele sind dann ‚falsch‘, wenn sie nicht mit unserer tiefen Wesensnatur übereinstimmen). Ja, vielleicht bedeutet das, einen Engpass zu erleben. Vielleicht heißt es auch, dass man verurteilt oder auch verlassen wird. In diesem letzten Jahr hat sich vieles aufgelöst. Auch an Stellen, wo ich das nicht erwartet hätte. Aber es bedeutet, dass es nicht zu mir gepasst hat und dass es am Ende folgerichtig zu einer Befreihung kommt. Und ja, vielleicht hat man am Anfang sogar recht lange das Gefühl, nicht zur Ruhe zu kommen, unbedingt schnell eine Lösung finden zu müssen. Vielleicht kann man sich zu Beginn so gar nicht aus alten Mustern lösen und loslassen. Vielleicht ist es auch wirklich hilfreich, sich professionell begleiten zu lassen, wenn man sowas noch nie gemacht hat. Aber der Punkt ist, es lohnt sich. Und es ist etwas, um das wir nicht herum kommen, wenn Gesundheit und Lebenszeit- und -qualität etwas sind, das auf unserer Prioritätenliste ganz oben steht. Was es in meinem Fall tut.


Habt Ihr ähnliche Erfahrungen? Ich würde mich freuen, davon zu lesen! Verlinkt gerne Eure Artikel oder schildert in den Kommentaren, wie es Euch ergangen ist – oder eben auch nicht. Ich glaube, dass es jedem eine Inspiration sein kann, der sich mit solchen Themen auseinander setzt – und vielleicht dabei ist, Mut für solch eine Entscheidung zu sammeln….

4 Gedanken zu “Sabbatical für Arme – ein Fazit

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