„I’m a loser, baby…

… so why don’t you kill me?“

Diese Zeile singe ich heute schon den ganzen Tag vergnügt in meinem Kopf. Denn seit heute kann ich es laut in die Welt heraus rufen und stolz darauf sein: Ich bin ein Versager, jawoll!

Moooooment, stimmt hier was nicht? Bin ich gerade in die totale Selbstverachtung abgedriftet? Beschimpfe ich mich gerade? Mache ich mich klein? Nein. Auf die Perspektive kommt es an.

Vor einem halben Jahr hätte ich nicht gedacht, dass eine solche Phase wie die, in der ich mich gerade befinde, noch mal auf mich zu kommt. Vor allem hätte ich nicht gedacht, dass ich noch mitten in der Not so klar darüber wäre, zu sehen, dass dieser Mist ein riesiges Geschenk ist! Denn eines ist mal klar, ich bin der Total-Versager. Sage ich nicht ich. Würde die Gesellschaft behaupten, in der ich lebe. Behauptet sie zum Teil ganz offen. Momentan darf ich mir das täglich anhören von einem Menschen, dessen Aufgabe im Leben es natürlicherweise wäre, mich zu unterstützen. Aber diese Person kann das nicht. Sie ist in einer Welt verhaftet, die so massiv von Koventionen und Verpflichtungen geregelt wird, dass sie für ihre eigenen Bedürfnisse nicht nur kein Gefühl hat, sondern auch vom Verstand her gar nicht die Option besteht, Bedürfnisse zu haben, die NICHT mit den Verpflichtungen übereinstimmen. Heißt im Klartext: aktuell befinde ich mich räumlich exakt zwischen den Welten: auf der einen Seite die alte Welt, die ich längst verlassen habe – die Welt, in der ich der Total-Versager bin -, die mich immer noch bedrängt und immer noch von mir verlangt, endlich zuzugeben, dass sie die einzig Wahre ist. Auf der anderen Seite die Welt, von der ich weiß, dass sie Meine ist, die ich aber gerade noch anvisiere und nur langsam einen Schritt vor den anderen tun kann.

Die ‚alte Welt‘ beschimpft mich aktuell täglich. Und aus ihrer Sicht stimmt es: ich bin ein Versager, der Mega-Loser. Warum?

1. Ich habe nie viel Geld verdient und das hätte ‚man in meinem Alter‘ ja nun längst hinbekommen müssen.

2. Ich habe es gewagt und bin seit Monaten krank geschrieben. Das ist ja die Höhe der Schmarotzerei!

3. Ich bin 38 Jahre alt und kann kein Haus, keinen Mann und keine Kinder vorweisen. Also das wird ja nun wirklich mal Zeit. Alleine durch’s Leben zu kommen ist eine Spinnerei, die mit der Realität nichts zu tun hat.

4. Ich bin nicht allseits beliebt. Man ist in dieser Welt eben nur etwas, wenn der 30. Geburtstag eine riesige Sause mit hunderten von Menschen ist, die einen hoch leben lassen!

5. Ich mache Fehler. Ich wage es, Entscheidungen zu treffen, die sich mal als falsch heraus stellen könnten! Ich müsste doch vor Scham im Mauseloch ertrinken!

6. Ich habe Ecken und Kanten und habe mich hartnäckig geweigert, mich der allgemeingültigen Ordnung unterzuordnen.

7. Ich wage es Gesundheit über Verpflichtungen zu stellen.

…. soll ich noch weitere Aufzählen? Ich paar hätte ich noch, aber ich glaube, das sind die wichtigsten. In der Welt, in der ich aufgewachsen bin, in der ich geprägt wurde, die mir aufoktroyiert wurde, sind all dies absolute No-Gos. Mit 38 Jahren hat ein Mensch 50 Stunden die Woche zu haben, ein gutes und natürlich absolut reines Auto zu fahren, sich mit der perfekten Familie zu brüsten und sich in die herrschenden Gesellschaft eingegliedert zu haben. Man hat nicht aufzufallen, schon gar nicht negativ. Fehler macht man nicht und wenn doch, vertuscht man sie und gibt sie als was andere aus. Alle Entscheidungen müssen zwangsläufig zum Erfolg führen, sonst haben andere ja was zu reden. Man ist glatt geschliffen. Als Frau befindet man sich mit einem respektablen Nebenjob in einem Einfamilienhaus, kümmert sich um Kinder, Haus, Garten und Ehemann, geht natürlich zum Yoga, hält sich fit und schön und schafft jede Anforderung des Alltags mit links. Krank werden gibt’s nicht, ‚ich dachte, Dein Vater und ich hätten Dir das vorgelebt! Mit 38 muss man schon mehr bumms haben.‘ Arbeit, Arbeit, Arbeit. Pflicht, Pflicht, Pflicht.

Und all das tue ich nicht. All das habe ich nicht. All das will ich nicht. Aus Sicht der Menschen, die in dieser Welt leben, bin ich ein Versager. Und ganz ehrlich? Ich bin stolz drauf.

Ich habe in den letzten Monaten Entscheidungen getroffen, die mich an einen derartigen Tiefpunkt gebracht haben, dass ich zeitweise nicht mehr wusste, wie ich überleben soll. Ich habe entschieden, mit meiner ‚besten Freundin‘ zusammen zu ziehen, und habe dann erfahren, dass sie mich über Jahre angelogen hat und diese Freundschaft in Wahrheit gar nicht existiert – sondern ganz im Gegenteil, dass ich von dieser Frau für meine Echtheit zutiefst verachtet werde. Die Folge: ich habe 2,5 Monate nicht mit einem Menschen gelebt, sondern mit einem Geist, der sich nur zeigte, wenn er mittags und nachts aufs Klo musste. Ich durfte dabei zusehen, wie diese Person sich von der kompletten Welt zurück zog, um sich ihr altes Selbstbild vom perfekten Engel, der über allen anderen schwebt, wieder aufzubauen anstatt ihre Menschlichkeit anzunehmen – und war so mit  einer Härte und Kälte konfrontiert, die ich in der krassen, gebündelten Form noch nie erlebt habe. In all dem durfte ich erkennen, dass ich in der Wahl meiner Arbeitgeberin mal wieder so richtig falsch gegriffen habe und durfte dann auch noch um meinen rechtmäßigen Lohn streiten, während das Haus, in das ich besagter ‚Freundin‘ zuliebe eingezogen war um mich herum bröckelte. Am Ende saß ich mit einer riesigen Depression, einem monatlichen Lebensunterhalt von unter 400 Euro, keiner Aussicht auf eine neue Wohnung und dem komplett Verlust meiner Kräfte da. Und als besagte ‚Freundin‘ ohne jede Vorwarnung plötzlich wieder da stand, riss das eine Wunde auf unter den ein Trauma klafft, das ich noch gar nicht ganz realisiert hatte bis zu dem Moment. Der, wenn auch unbeholfene Versuch der Abgrenzung führte zu weiteren Aburteilungen mit den kalten, hochnäsigen Worten eines blonden Engels, der sich über so klägliche Sterbliche wie mich erhebt: Was ist nur aus Dir geworden!

Trotz Betreuung durch Therapeuten, den sozialpsychiatrischen Dienst und wirklich guten Ärzten, es blieb nur die Flucht. Die Flucht in die alte Welt, da die neue noch nicht erschlossen ist. Eine perfekte Geschichte sozialen Abstiegs, nicht wahr?

Meine Wahrheit ist eine ganz andere…

6 Gedanken zu “„I’m a loser, baby…

  1. Und du bist immer noch da. Du hast überlebt und das Ende der Welt ist auch nicht eingetreten, trotz all dieser krassen Widrigkeiten. Davon gehst du nicht unter, zumindest nicht dauerhaft.
    Ich bin mir absolut und vollkommen sicher, dass du dein Ding finden und machen wirst, schau nur mal an wie sehr und oft du mir schon geholfen hast und das hast du. Da steckt so viel in dir 😊 und es ist schön, dass das mal raus darf!

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      1. Und ja, keine Sorge. Bin gut aufgestellt. Ich kann nur sagen, ich hab mich viel und intensiv mit Dingen beschäftigt, die viele als Zeitverschwendung ansehen (Psychologie, TT, Persönlichkeitsentwicklung…). Dadurch stehen mir viele Ressourcen offen -und das gilt auch für Dich und alle anderen, die einen ähnlichen Weg gehen. Es ist nie umsonst!

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